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28. Mai 2017

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Porträt

„Wir sind einfach gut darin, an der Basis zu arbeiten.“ Das Dresdner Putjatinhaus als Best Practice der Soziokultur

Das soziokulturelle Zentrum „Putjatinhaus“ im Dresdner Ortsteil Kleinschachwitz

Was bedeutet Professionalisierung in der Soziokultur? Kulturmanagement Network machte sich auf die Suche und fand ein soziokulturelles Zentrum in Dresden, das seine positive Wirkung auf das Gemeinwesen durch den Einsatz kulturmanagerialen Knowhows erheblich steigern konnte. Der Besuch im Putjatinhaus e.V. zeigt die Gelingensbedingungen soziokultureller Arbeit.

Dieser Beitrag gehört zur Serie von Kulturmanagement Network über Kulturmanagement in der Soziokultur.

Wenn man im Dresdner Ortsteil Kleinschachwitz jemanden auf der Straße fragt, wo es zum Putjatinhaus geht, kommt man mit Sicherheit auch ohne Google Maps an Ziel. Denn hier, an der südöstlichen Peripherie der großen Stadt an der Elbe, kennt so gut wie jeder das soziokulturelle Zentrum, das seit mehr als einem halben Jahrhundert Kulturarbeit für die Kleinschachwitzer leistet.  

Das Putjatinhaus hat Vorzeige-Charakter, wenn es darum geht, die Wirksamkeit soziokultureller Arbeit unter Beweis zu stellen. Das zeigen nicht nur die Auszeichnungen, die das Haus im Laufe der Jahre für seine inklusive kulturelle Stadtteilarbeit überreicht bekam. Es zeigt sich vor allem an der Verbundenheit der BesucherInnen mit „ihrem Haus“ und mit ihrem Engagement, das Kulturzentrum zu erhalten und mit Leben zu füllen.

Ein offenes Haus für Alle

Der ungewöhnlich klingende Name stammt vom Stifter des Hauses, dem in Dresden lebenden russischen Fürst Nikolaus Putjatin. 1823 wurde das Haus, das mit seinem spitzen Dach und der verzierten Fassade ein bisschen an ein überdimensioniertes Lebkuchenhaus erinnert, als Dorfschule eingeweiht. Seit 1959 steht es ganz im Zeichen kultureller Nutzung, wie es vom Stifter vorgesehen war. Der aus bürgerschaftlichem Engagement entstandene Förderverein Putjatinhaus e.V. übernahm die kommunale Einrichtung 1993. Er entwickelte sie weiter zu einem soziokulturellen Zentrum, in dessen Mittelpunkt ein umfangreiches künstlerisches Kursangebot, diverse Projekte und Veranstaltungen wie Workshops, Vorträge, Lesungen, Feste und Kleinkunstdarbietungen stehen, alles in der Regel mit einem lokalen Bezug. Zielgruppen des Hauses sind alle BewohnerInnen des Stadtteils – Kinder mit ihren Eltern, Erwachsene, Senioren und durch die medienpädagogische Arbeit auch zunehmend Jugendliche.

Eine Kulturmanagerin am Steuer

Jana Körner ist seit sechs Jahren Geschäftsführerin des Hauses. Im Gespräch mit der 37-Jährigen merkt man sofort, dass sie mit Herzblut und Gestaltungswillen bei der Sache ist. Auf die Frage, welche Fähigkeiten für ihren Job entscheidend sind, antwortet sie ohne zu zögern: „Menschenverstand, Menschenliebe, die Hinwendung zum Inhaltlichen und das Handeln im Sinne der ortsansässigen Bevölkerung.“

Die Instrumente und Methoden, die wichtig sind, um ein soziokulturelles Zentrum zu leiten, lernte Jana Körner in ihrem Studium der Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Kulturmanagement. Bereits während ihres Studiums arbeitete sie für soziale und kulturelle Einrichtungen und Projekte, danach war sie Dozentin unter anderem für Projektmanagement und beriet Kultureinrichtungen. Die Position als Geschäftsführerin einer soziokulturellen Einrichtung hatte die Kulturmanagerin vorher nicht im Blick und könnte im Rückblick über ihre jetzige Position doch nicht glücklicher sein. Warum? „Weil die Kulturarbeit, die wir hier leisten, Praxis pur ist. Wir sind immer nah an den Menschen dran, müssen sofort auf aktuelle Ereignisse und Bedürfnisse reagieren.“ Kultur ist hier eine gelebte, zwischenmenschliche Größe und nicht nur theoretischer Anspruch eines Kultur- und Bildungsauftrags.

Professionell und bürgernah

Seit Mitte der Neunziger Jahre befindet sich das Zentrum in einer institutionellen Förderung des Kulturamts der Stadt Dresden. Aus der Rückschau scheint immer alles gut gelaufen zu sein, doch gesichert war die Förderung des Putjatinhauses nicht immer. 2006 sollte aufgrund von städtischen Sparmaßnahmen die gesamte Förderung beendet werden. Verhindert wurde dies nur aufgrund einer eindrucksvollen Initiative der Kleinschachwitzer, die ihr Haus erfolgreich vor dem drohenden Aus retteten und ihm gleichzeitig eine nachhaltende Legitimität gaben.

Anne Pallas ist Geschäftsführerin des Landesverbands Soziokultur Sachsen, in dem das Putjatinhaus, wie über 50 weitere soziokulturelle Einrichtungen und Initiativen im Freistaat, Mitglied ist. Sie verfolgt die steile Lernkurve des Hauses, das sie von 2007 bis 2011 selbst leitete, seit langer Zeit. Ihrer Ansicht nach ist der Erfolgskurs des Hauses insbesondere darauf zurück zu führen, dass es immer wieder gelang, professionell ausgebildete Kulturmanager für die Geschäftsführung zu gewinnen. Zudem wurde vor ein paar Jahren eine eigene Projektstelle geschaffen, die unter anderem für die Drittmittelakquise zuständig ist. So arbeiten aktuell vier Hauptamtliche auf 2,7 Stellen in der Einrichtung.

Die Frage nach qualifiziertem und tariflich angemessen entlohntem Personal ist für die Professionalisierung soziokultureller Zentren von großer Bedeutung. Das muss eigens betont werden. Denn nicht selten herrscht bei Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit, wenn über Soziokultur gesprochen wird, noch das Bild einer aus zivilgesellschaftlichem Engagement und rein ehrenamtlich geleisteten Struktur vor. Eine der wichtigsten Aufgaben des Landesverbands ist es, hier gute Lobbyarbeit zu machen und Aufklärung zu schaffen. Denn die hochkomplexe und ressortübergreifende Arbeit, die soziokulturelle Zentren im Kultur-, und Bildungsbereich sowie in der Jugend- und Sozialarbeit leisten, sollte keinesfalls allein auf den Schultern ehrenamtlicher Mitarbeiter lasten.

Ehrenamtsmanagement auf hohem Niveau

Wenn sie von den vielen Aktiven im Verein, ehrenamtlichen HelferInnen und MitgestalterInnen spricht, bekommt Jana Körner leuchtende Augen und kann viele bewegende Geschichten erzählen. Der etwa 100 Mitglieder starke Förderverein kann auf dauerhaftes und zahlenmäßig stabiles Engagement zurückblicken. Ungefähr 20 Ehrenamtliche helfen regelmäßig bei der Durchführung von Veranstaltungen und Festen, bei der Hauspflege oder bringen eigene Programmpunkte ein. Die Koordinierung des ehrenamtlichen Engagements wurde in den letzten Jahren professionalisiert: „Wir halten in einer qualitativen Datenbank fest, welche Fähigkeiten unsere Ehrenamtlichen mitbringen, was für Interessen sie haben, welche Tätigkeiten sie gerne übernehmen oder was sie mal gerne machen würden, dafür aber noch eine Hilfestellung oder Einweisung benötigen. So können wir sicherstellen, dass sich unsere Aktiven entsprechend ihrer Bedürfnisse bei uns einbringen können und wertgeschätzt werden. Sie sind wertvolle Unterstützung für unsere vielfältige Angebotsgestaltung.“

Abb. 2: Abschlusskonzert des 2014 partizipativ gestalteten Kulturfestivals „Nachbar.Schafft-Kultur“ ©Putjatinhaus

Seit einiger Zeit wird extra für die freiwilligen Helfer das Ehrenamtscafé angeboten, bei dem sich außerhalb des Mithelfens die Gelegenheit zum Kennenlernen und Beisammensein ergibt. Diese Idee kam von den Ehrenamtlichen selbst und wurde von der Leitung direkt aufgenommen. „Wir bekommen viele unserer Impulse direkt von Vereinsmitgliedern oder BesucherInnen. Das sind genau die Menschen, für die unsere Angebote und das Haus da sind. Wir arbeiten sozusagen mit unseren Zielgruppen zusammen, was natürlich ideal ist.“ Die Sorge, dass mit den Folgen des demografischen Wandelns auch das zivilgesellschaftliche Engagement für den Verein wegbricht, hat Geschäftsführerin Körner nicht: „Viele Eltern, die heute herkommen, kennen das Haus selbst noch aus ihren Kindertagen und kommen jetzt mit ihren Kindern, weil sie die Ausrichtung des Hauses und die Angebote schätzen und sich hier wohl fühlen.“

„Wir denken bunt!“


Grundlage für die erfolgreiche lokale Kulturarbeit ist das Leitbild, das die Aufgabenbereiche, Ziele, Wirkungsweisen und Zielgruppen der eigenen soziokulturellen Arbeit in den Blick nimmt und bestimmt. Mit dem Motto „Wir denken bunt!“ wird deutlich, dass es der Anspruch des Hauses ist, kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe für alle zu ermöglichen. In diesem Sinne setzen Körner und ihr Team seit Jahren auf die Schaffung von Barrierefreiheit, inklusive Projekte und Kulturangebote. Ausgehend vom Ist-Zustand wurden konkrete Maßnahmen gefunden, die kurz-, mittel- und langfristig im Putjatinhaus umgesetzt werden sollen. Für dieses Konzept wurde das Haus im Jahr 2014 von dem Jugendamt der Stadt Dresden und dem Landesverband Soziokultur mit dem Preis Barriere?frei! ausgezeichnet. Die Wahrnehmung als barrierefreier Ort hat sich seither verbessert und es ist die Teilhabe von behinderten Menschen an Freizeitangeboten für die Arbeit im Putjatinhaus ein wichtiger Aspekt ist.

Abb. 3: Preisverleihung des Konzeptpreises Barriere?frei! im Putjatinhaus 2014 ©Putjatinhaus

Veränderungen im Stadtteil oder gesamtgesellschaftliche Entwicklungen machen ein dauerhaftes Reflektieren des aktuellen Leitbildes, der Aufgaben und Zielgruppen notwendig. So öffnete sich das Haus seit 2015 noch stärker für Migranten und Flüchtlinge, flankiert ehrenamtliche Arbeit mit Flüchtlingen und unterstützt Projektvorhaben. Dass sie und ihr Team schnell und flexibel auf neue Anforderungen und Situationen reagieren können, ist für Jana Körner ein Hauptgrund dafür, warum sie sich keine allzu großen Sorgen um die Herausforderungen macht, die vielen anderen Kultureinrichtungen den Kopf zerbrechen. Natürlich machen sie auch vor Kleinschachwitz nicht Halt, doch macht die lokale Verwurzelung des Putjatinhauses vieles besser und direkter handhabbar. „Wir sind einfach gut daran, an der Basis zu arbeiten“, fasst Körner selbstbewusst zusammen. Zusätzlich zum eigenen Leitbild orientiert sich die Leitung an dem Kriterienkatalog „Soziokultur in Sachsen“ des Landesverbandes.

Die Spendenbereitschaft ist hoch

Die gute Vernetzung im Stadtteil ist durch die Mitwirkung an Stadtteilfesten, an vielen Kooperationen im Bildungsbereich, mit Kitas und Horten, aber auch durch die enge Anbindung an lokale Unternehmen spürbar. „Es gibt hier einige mittelständische Unternehmen, die spenden seit Jahren regelmäßig und gerne, insbesondere für unsere Ferienangebote für Kinder“, erzählt Körner. Zusammen mit der lokalen Wirtschaft wird jedes Jahr die Dorfmeile organisiert, ein großes familienfreundliches Stadtteilfest. Die Partnerschaft mit der Wirtschaft wird auch dadurch gefestigt, dass das Putjatinhaus Aufträge so weit wie möglich an lokale Unternehmen vergibt. Auf diese Weise konnten langfristige Partnerschaften aufgebaut werden, die bei der Projektfinanzierung unerlässlich sind. Durch die neu geschaffene Projektstelle konnte die Einwerbung von Drittmitteln zusätzlich gesteigert werden.

Abb. 4: Kinderfest „Augustsonne“ im Garten des Hauses im Jahr 2016 ©Putjatinhaus

Obwohl die Spendenbereitschaft hoch ist, ist das gut besuchte Kursangebot die Haupteinnahmequelle des Hauses. Und das sehr erfolgreich: Das Putjatinhaus kann fast 50 Prozent seiner Kosten durch Eigeneinnahmen decken. Das Kursangebot und die Besucherzahlen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Die Zahl der Besucher stieg von 16.700 (2010) auf 22.500 (2015). Entsprechend stiegen auch die Einnahmen von 173.000 Euro auf ca. 230.000 Euro.

„Wir lassen uns gerne evaluieren“


Die steile Entwicklung, die das soziokulturelle Zentrum seit 2006, als es noch Wackelkandidat auf der Haushaltsliste des Kulturamtes war, hingelegt hat, wurde auch von der letzten externen Evaluierung aus dem Jahr 2015 bestätigt. In den Vorjahren durchgeführte Evaluierungen hatten sogar den positiven Effekt, dass das Zentrum aufgrund seiner guten Performance eine Mehrjahresförderung von Seiten der Stadt erhielt. Für Jana Körner und ihr Team sind solche externen Gutachten zudem ein willkommener Anlass, das eigene Tun zu überprüfen und gegebenenfalls umzudenken. Auch intern werden regelmäßig Besucherbefragungen durchgeführt und die Besucherzahlen überwacht. Wenn sich negative Trends abzeichnen, wird sofort gegengesteuert. Und das gelingt meist nach dem Prinzip trial and error. Auf die Frage nach Maßnahmen des Audience Development oder Community Management antwortet die junge Geschäftsführerin pragmatisch und passend zum Soziokultur-Spirit: „Egal wie wir das nennen, ob Leitbild oder Evaluation, wir sollten immer darüber nachdenken, was wir warum wie tun.“ Und das scheint für die soziokulturelle Belebung der Peripherie Dresdens bestens zu funktionieren.

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Eva Göbel
12.04.2017, Julia Jakob
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