31.05.2011

Autor*in

Dirk Heinze
Kommentar

Eine Fehlentscheidung

Bei der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins wurde Prof. Klaus Zehelein als deren Präsident wiedergewählt. Eine Podiumsdiskussion am 28. Mai im Theater Erfurt ließ erhebliche Zweifel aufkommen, ob dies eine kluge Entscheidung der Delegierten war.

Die Diskussionsrunde war der Oper im 21. Jahrhundert gewidmet. Ein "wahrhaft globales Thema", wie Moderator Andreas Hillger von der Mitteldeutschen Zeitung aus Halle (Saale) fand. Bei aller globaler Perspektive - hinterfragt werden sollte vorrangig die Zukunft der deutschen Staats- und Stadttheater. Wie bekommen wir "die Strukturen flott und die Inhalte fit?", fragte Hillger und schob die gern von der Presse aufgegriffene Statistik hinterher: 6.500 Vorstellungen werden im Jahr gezeigt, aber nur 8 % der Bevölkerung erreicht, die Eintrittskarte durchschnittlich mit 100 EUR subventioniert und der Anteil der Eigeneinnahmen bei rund einem Fünftel. Die Journalistin des Tagesspiegels, Christine Lemke-Matwey, gab auch zu, dass die Presse mit solchen Zahlen meist nur provozieren will. Gerade in Berlin ließe sich damit immer wieder gern eine "neue Sau durchs Dorf jagen". Die Gefahr bestehe aber in der Tat, dass die Theaterbesuche zu einem Privatvergnügen gerinnen, das "draußen niemand mehr interessiert". Dementsprechend werde immer wieder gern die Bevölkerung zugespitzt gefragt, was ihr wichtiger wäre - das Theater, das Krankenhaus oder die Straßenbahn. Nordhausens Theaterleiter Lars Tietje beeilte sich zu sagen, dass er solche Umfragen an sich vorbeiziehen lasse, denn ein geschlossenes Theater macht jede Stadt weniger lebenswert. Man müsse nach vorn schauen.

Anschließend taten sich insbesondere die Intendanten der Häuser aus Dessau und Erfurt - Andrea Moses und Guy Montavon - mit leidenschaftlichen Plädoyers positiv hervor. Thüringen hat ein Problem, so der aus der Schweiz stammende Opernregisseur: "Es ist Geld vorhanden, aber die Strukturen gehören analysiert und verändert". Es sei unverzichtbar für ein Theater wie für jede andere Kultureinrichtung zu wissen, was man in fünf Jahren seinen Kunden bieten könne. Angesichts der unklaren Verhältnisse in Thüringen - das mehrfach angekündigte Konzept zur Theater- und Orchester lässt weiterhin auf sich warten - besteht für praktisch alle Häuser im Freistaat eine erhebliche Planungsunsicherheit. Einig sei man sich lediglich im Wunsch, die reiche Theaterlandschaft zu erhalten - eine Lösung für die Zukunft aber habe man nicht.

Der wiedergewählte Bühnenvereinspräsident Klaus Zehelein dominierte den zweiten Teil der Podiumsdiskussion. Er warnte erneut vor einer Durchökonomisierung der Gesellschaft, ohne zu erklären, was damit gemeint ist, und sah das Problem eher in der Verteilung des Geldes. Mit Verweis auf die Länder Hamburg und Baden-Württemberg lobte er SPD und Grüne, die "die Kunst und Kultur aus dem Rand der Gesellschaft herausholen" - ihn freuten diese "neue Töne".

Problematisch in der Runde wurden die Live-Übertragungen der New Yorker MET gesehen. Wir müssen aufpassen, so Guy Montavon, "dass wir nicht zu einer Versorgungsanstalt degenerieren", auch wenn er anschließend zugab, dass damit die Oper wohl populärer wird und die Gattung nicht in Vergessenheit gerät. Die Chefregisseurin vom Anhaltischen Theater Dessau, Andrea Moses, kritisierte einmal mehr, dass kein Geld für die musische Bildung in den Schulen da sei: "Das ist ein Witz"! Umso mehr müsse man an kleinen Häusern "mit einem unglaublich hohen Anspruch herangehen", wo die Voraussetzungen bei Publikum und Presse völlig andere seien als in den Metropolen. Die Gesellschaft zahlt nach ihrer Meinung Geld, damit wir ihr den Spiegel vorhalten.

Auch Zehelein würdigte die Arbeit in den vermeintlichen Provinztheatern als vorbildlich und machte umgekehrt einen Qualitätsverlust an den großen Häusern in der Republik aus. Die Inhalte müssten insbesondere von der Theaterpädagogik besser vermittelt werden. Stattdessen "führen wir zur Institution hin, nicht zur Kunst", so Zehelein. Die Schuldigen stehen für ihn fest: "an jeder blöden Hochschule kann man jetzt Kulturmanagement studieren - ich frage mich wozu". Man konnte den Eindruck haben, der Präsident des Bühnenvereins würde wissentlich die Leistungen derjenigen, die in den letzten 20 Jahren die Organisation, das Marketing oder die Vermittlung von Stadt- und Staatstheatern vorangebracht haben, ignorieren. Jene Häuser haben in ihm ganz offensichtlich einen schlechten Anwalt. Mögen die Kulturmanager mit dieser Missachtung noch leben können, könnte die permante Politikerschelte eines Klaus Zehelein weitaus größere Folgen haben. Warum soll man weiterhin die Hälfte aller Mittel in der Kulturförderung den öffentlichen Theatern zukommen lassen, wenn ihr führender Repräsentant dies mit Geringschätzung quittiert? Außerdem reißt dies Gräben zwischen den Kulturschaffenden einerseits und der Politik sowie der Wirtschaft andererseits auf, die längst zugeschüttet schienen. Dieser Bühnenverein hat einen besseren Präsidenten verdient.

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