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1. Mai 2017

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Konferenzbericht

Rückblick auf den Fachtag Barriere? frei!

Wie müssen Kultureinrichtungen und deren Angebote gestaltet sein, damit sie gleichermaßen für Menschen mit und ohne Behinderung zugänglich sind? Mit dieser Fragestellung startete der Landesverband Soziokultur Sachsen im Jahr 2013 das Projekt Barriere? frei! Ziel war es, eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema Inklusion und Barrierefreiheit im Jugend- und Kulturbereich anzustoßen und Lösungsansätze für die Umsetzung zu entwickeln. Dazu initiierte Der Landesverband Soziokultur Sachsen gemeinsam mit dem Sächsischen Landesjugendamt den Konzeptpreis Barriere? frei! sowie den gleichnamigen Fachtag im März 2014.

Rahmenbedingungen für die kulturelle Teilhabe behinderter Menschen
Während mit dem Konzeptpreis konkrete Teilhabemöglichkeiten im Jugend- und Kulturbereich vor Ort konzipiert und umgesetzt werden sollten, bildete der Fachtag ein öffentliches Forum, um den Auftrag, behinderten Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe am kulturellen Leben zu ermöglichen, möglichst öffentlichkeitswirksam in den relevanten Bereichen zu platzieren und dort nachhaltige Debatten anzuregen. Knapp 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Jugend- und Kulturbereich, aus Kommunen und Ministerien sowie der Behindertenhilfe bzw. -selbsthilfe waren der Einladung zum Fachtag ins Deutsche Hygiene-Museum Dresden gefolgt.

Kompetenter Umgang mit Vielfalt
Zunächst führte Prof. Dannenbeck von der Hochschule Landshut in die Thematik Inklusion ein. Im Gegensatz zu gängigen Vorstellungen machte er klar, dass Inklusion nicht als ein zu erreichender Zustand zu verstehen ist, sondern vielmehr als eine Aufgabe des „kompetenten Umgangs mit Differenz und Heterogenität“. Konsequent gedacht, betrifft Inklusion also alle Menschen, denn alle Menschen sind unterschiedlich und tragen somit zu Vielfalt bzw. Differenz bei. Behinderung ist dabei nur ein Aspekt. Der Umgang mit Vielfalt wäre somit in jeder sozialen Situation angezeigt und in dem Sinne keine „neue Herausforderung“, die erst im Umgang mit behinderten Menschen entsteht. Grundlegend ist dabei die Bereitschaft, Vielfalt als Bereicherung anzuerkennen und nicht als Risiko. In weiteren Fachvorträgen wurden Ansätze und Strategien vorgestellt, wie Zugänge im Sinne einer kulturellen Teilhabe geschaffen bzw. verbessert werden können.

Kulturelle Teilhabe behinderter Menschen und Willkommenskultur
Prof. Monika Seifert von der Deutschen Heilpädagogischen Gesellschaft berichtete von der Kulturloge Berlin als beispielhafter Brückenbauer zwischen Kultureinrichtungen und Menschen mit Behinderung. Mittels Besucherbefragung ermittelte sie u. a. welche Faktoren sich begünstigend auf den Besuch von Kulturveranstaltungen auswirken und an welchen Stellen es künftig Weiterentwicklungen braucht, damit die Veranstaltungsteilnahme für behinderte BesucherInnen an Attraktivität und Kontinuität gewinnt.

Prof. Klaus Siebenhaar von der Freien Universität Berlin stellte den Ansatz des Audience Development vor und untersetzte die Idee der Willkommenskultur mit zahlreichen praktischen Beispielen, in denen Kultureinrichtungen von der Akquise bis zur Programmgestaltung von den Bedürfnissen aller potenziellen Besucherinnen und Besucher her denken und hierfür auch mit Konventionen brechen. Der Vortrag machte deutlich, dass eine konsequent gelebte Besucherorientierung einhergehen sollte mit einer Öffnung ins Gemeinwesen und dem Einlassen auf unterschiedliche gesellschaftliche bzw. kulturelle Milieus.

Preisverleihung und Podiumsdiskussion
Der Fachtag bot auch einen würdigen Rahmen für die Preisverleihung des mit jeweils 4.000 EUR dotierten Konzeptpreises. Die Preise gingen an das Soziokulturelle Zentrum Putjatinhaus in Dresden, das Soziokulturelle Zentrum Conne Island und das Soziokulturelle Zentrum „die Villa“ in Leipzig. Die Konzepte zeigten in eindrücklicher Weise, wie bereits mit kleinen Schritten und geringen Ressourcen ein Anfang gemacht werden kann. Vorhaben wie Mitarbeiterschulungen, barrierefreie Gestaltung der Internetseiten sowie kleinere Maßnahmen zur Verbesserung der baulichen Barrierefreiheit standen dabei an erster Stelle. Dabei geht es den Einrichtungen darum, die bestehenden Angebote und Strukturen für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen zugänglich und nutzbar zu machen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion befassten sich Vertreter aus Sozialministerium, Landesjugendamt, Kulturamt und Wissenschaft mit der Erörterung der Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Barrierefreiheit. Dabei wurde immer wieder auf die Notwendigkeit zu ressortübergreifender Arbeit verwiesen, die sich vom Denken in Zuständigkeiten und Fördersegmenten lossagt. Die Umsetzung der UN-BRK ist schließlich eine Querschnittsaufgabe und damit Aufgabe aller Ressorts. Deutlich wurde in der Diskussion, dass ein solches Umdenken vor allem auf kommunaler Ebene stattfinden kann. Kommunen und Landkreise sind verantwortlich und kompetent für die bedarfsgerechte Gestaltung des Gemeinwesens und sollten im Umgang mit administrativen Zuständigkeiten Vorbildwirkung entfalten. Auch hier zeigt sich wieder: viele kleine aber ernstgemeinte Schritte und handhabbare Modelle bereiten den Weg zur Inklusion.

Aufklärung und Bewusstseinsbildung
Der Fachtag zeigte, dass ein selbstverständliches, vorurteilsfreies und achtsames Miteinander von behinderten und nicht-behinderten Menschen, zunächst eine Frage der Haltung bzw. des Willens ist. Diese spiegelt sich wider in einer umfassenden Hinwendung zur (potentiellen) Besucherschaft und einer (An)Erkennung und Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisse. Es geht also um einen grundsätzlichen Perspektivwechsel, nämlich Strukturen und Angebote vom Publikum her zu denken. Hier ist viel Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit nötig, zum einen, um die Teilhabe behinderter Menschen in Kultureinrichtungen auf deren Agenda zu setzen, zum anderen, um überholte und defizitorientierte Einstellungen gegenüber Behinderung und dem Umgang damit zu überwinden. Neben Sensibilisierung und Aufklärung müssen auch konkrete Wissensinhalte vermittelt werden: Was bedeutet Barrierefreiheit überhaupt? Was bedeutet Barrierefreiheit im Hinblick auf unterschiedliche Behinderungsarten? Wie kann ich Barrierefreiheit umsetzen? Was kann ich als Einrichtung oder Person leisten?

Wissenstransfer und Netzwerke nötig
Damit nicht jede Institution bei null anfangen muss, sind funktionierende Netzwerke und Plattformen von enormer Wichtigkeit. Nur so können bereits vorhandenes Wissen und Erfahrungen effektiv und nachhaltig gebündelt, weitergegeben und weiterentwickelt werden. Hier gibt es großen Nachhol- und Verbesserungsbedarf; zentrale Koordinierungs- oder Beratungsstellen sind bislang nicht vorhanden; arbeitsfeldübergreifende bzw. interdisziplinäre Abstimmung und Informationsweitergabe findet in der Praxis noch viel zu wenig statt.

Selbstverständlich bedarf es zur Umsetzung auch einer verlässlichen Grundausstattung, finanzieller Mittel und eines entsprechenden politischen Rahmens. Tatsächlich sind die momentanen Rahmenbedingungen noch nicht optimal. Nichtsdestotrotz kann jeder Einzelne bzw. jede Organisation anfangen. Denn erst durch die Auseinandersetzung mit Fragen der Umsetzung von Inklusion und Barrierefreiheit können Organisationen feststellen, welche Bedarfe bestehen und so mit konkreten Forderungen an Entscheidungsträger herantreten.

Handbuch zur Planung und Umsetzung von Barrierefreiheit
Zur Unterstützung bei der Planung und Umsetzung von Barrierefreiheit in Jugend- und Kultureinrichtungen, hat der Landesverband Soziokultur gemeinsam mit der Lebenshilfe Sachsen (Projekt „Inklusion in Sachsen“) ein Handbuch entwickelt, welches auf den Internetseiten des Landesverbandes Soziokultur Sachsen kostenfrei zum Download bereit steht. Zusätzlich zum Handbuch gibt es einen umfangreichen Online-Servicebereich, der dem Aufbau des Handbuches folgend, entsprechend weiterführende Links, Adressen, Praxisbeispiele aber auch Weiterbildungsangebote und Literaturhinweise enthält. Die Beiträge des Fachtages sowie die prämierten Konzepte können auf den Internetseiten des Landesverbandes Soziokultur Sachsen nachgelesen bzw. nachgehört werden.

Die Autorinnen
Andrea Gaede ist stellvertretende Geschäftsführerin und Grundsatzreferentin beim Landesverband Soziokultur Sachsen e.V. Sie ist Redaktionsmitglied im CORAX-Fachmagazin für Jugendarbeit, stellv. Mitglied im Sächsischen Landesjugendhilfeausschuss und Mitglied im Archiv der Jugendkulturen e. V.

Johanna von der Waydbrink ist seit 2013 Projektkoordination des Projektes „Barriere? frei!« beim Landesverband Soziokultur Sachsen e.V.

Weitere Beiträge zum Thema

  • KM Magazin März 2014 zum Thema »Inklusion« mit ausführlichen Fachartikeln
  • KMN im Gespräch mit Prof. Dr. Rolf Wiese vom Freilichtmuseum am Kiekeberg über Inklusion als Strategie der Mitarbeiterentwicklung im Museum
  • KMN im Gespräch mit Mathias Huber vom Schauspiel Leipizig über deren Inklusionsprojekt
  • KMN im Gespräch mit Monika Wagner von der Initiative »Hunger auf Kunst und Kultur« über ein Wiener Kulturprogramm in leicht verständlicher Sprache
Andrea Gaede und Johanna von der Waydbrink
27.05.2014, Kristin Oswald
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