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22. Mai 2017

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Bücher

Buchrezension: Handbuch Kunstmarkt. Akteure, Management und Vermittlung

Nirgends in der Kultur- und Kreativwirtschaft wird so viel Geld verdient wie auf dem Kunstmarkt. Doch sind die Mechanismen dieses dynamischen Feldes nicht einfach zu fassen. Das „Handbuch Kunstmarkt“ will beim Verständnis der Dynamiken helfen und neue Einsichten vermitteln. Eine Herkulesaufgabe.

Der Kunstmarkt arbeitet nach eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die Marktregularien richten sich nicht unbedingt nach Angebot und Nachfrage, da es viele Güter innerhalb des Marktes gibt, aber nur wenige sich so platzieren können, dass sie stets die besten Verkaufsergebnisse erzielen. Galerien, Messen und Auktionshäuser haben längst erkannt, dass sie ihren Kunden eine bestimmte (Einkaufs-)Erfahrung bieten, das heißt ein Happening rund um den Kauf inszenieren müssen, damit die Kaufentscheidung beeinflusst werden kann. Dabei ist Kunst Spekulationsobjekt, schmeichelt dem Sammler-Prestige, weckt Begehrlichkeiten und schafft es wie in wenigen Branchen sonst, Marken zu etablieren und Trends zu kontrollieren. 

In den vergangenen Jahren hat sich zunehmend die Art verändert, wie Kunst „entdeckt“ wird. Eine Studie des online Auktionshauses Invaluable kam zu dem Ergebnis, dass fast ein Viertel aller Käufer (22,7%) ihre neuen Werke über Social Netzwerke findet und damit Museen (20%) und Galerien (15.9%) aus dem Wettbewerb um Kunden immer mehr verdrängen. Galerien spielen aber noch immer eine signifikante Rolle im Kunstmarkt, wie die Artreview Power 100 Liste beweist, die jene Persönlichkeiten auflistet, die die zeitgenössische Kunstwelt am stärksten beeinflussen. In den Top10 2016 befanden sich allein 3 Galeristen – Iwan und Manuela Wirth, David Zwirner und Larry Gagosian. Erst an siebter Stelle taucht mit Hito Steyerl ein Künstler auf. Angeführt wird die Liste von Kurator Hans Ulrich Obrist. Museen und ihre Leiter sind also ebenfalls nach wie vor von herausragender Bedeutung. Zugleich hat das vergangene Jahr erneut bewiesen, um wie viel Geld es im Kunstmarkt geht, obwohl es durchaus nicht das umsatzstärkste der letzten Jahre war. Nach den Top10 der Zeitschrift Monopol brachte das teuerste Werk, Claude Monets »Meule«, bei Christie's New York umgerechnet 76 Millionen Euro ein und auch die weiteren Listenplätze erreichten bei Christie's und Sotheby's zwischen 50 und 60 Millionen Euro.

Diesen umsatzstarken Markt für Kulturmanager, Kunstvermittler, Studierende oder Beschäftigte im Kunstbereich greifbar zu machen, ist das Ziel des 2014 von Andrea Hausmann herausgegebenen „Handbuch Kunstmarkt. Akteure. Management und Vermittlung“. Dessen Funktionsweise will es dem Leser dadurch greifbar machen, dass AutorInnen unterschiedlicher Disziplinen in jeweils eigenen Kapiteln die Akteure und relevanten Rahmenbedingungen sowie Funktionsweisen des Kunstmarktes analysieren. Zu den AutorInnen zählen Barbara Alder, Patrick Glogner-Pilz, Monika Grütters, Stefan Haupt, Marlies Hummel, Hubertus Kohle, Stefan Lüddemann, Ulli Seegers, Nora Wegner und Olaf Zimmermann. In drei großen Teilbereichen beleuchten diese Experten aus Wissenschaft und Praxis die Themenfelder: Geschichte, Soziologie und Politik des Kunstmarktes; Akteure des Kunstmarktes; sowie Management, Recht und Vermittlung des Kunstmarktes. Als Leser erhofft man sich dabei eine grundlegende Struktur und Perspektiven, die zu einem neuen Verständnis führen. 

Viele Einführungen und der Wunsch nach mehr Kritik

Das Buch definiert die AkteurInnen innerhalb des Kunstmarktes als KünstlerInnen, Hochschulen, Galerien, SammlerInnen, Auktionshäuser, Kunstmessen, KunstberaterInnen sowie andere Kunstsachverständige und KunstkritikerInnen. In den verschiedenen Texten werden diese einzelnen Akteure charakterisiert und ihre Beziehung zum Kunstmarkt betrachtet. Der Leser erhält anhand empirischer Daten Analysen zum Beispiel über die beteiligten Berufsgruppen, Entwicklungen des Hochschulwesens und die Wechselwirkung zum Kunstmarkt. Es gibt bekannte Einsichten zum Jagen und Sammeln des Sammlers und eine Fülle an Einführungen zu den genannten AkteurInnen. 

Und hier zeigt sich das Problem des Buches, denn viele der Texte beginnen mit einer historischen Herleitung, einer Definition des jeweiligen Akteurs, einer Problemstellung oder der Beziehung zum Kunstmarkt und enden, ohne konkrete Beispiele oder Analysen aus der Praxis geliefert zu haben. Allein die Texte von Ulli Seegers über “Galerien und ihre Bedeutung im Kunstmarkt“ (S. 135–150) und von Stefan Lüdemann über „Kunstmarkt (S. 251–267) versuchen, wirkliche Praxisbeispiele und Inneneinsichten in den Kunstmarkt und seine AkteurInnen zu liefern. 

Während der zweite Teil über die Definition der AkteurInnen noch einen gewissen Rahmen erhält, ist im dritten Teil des Buches überhaupt kein Bezugsrahmen mehr erkennbar. Den Leser erwartet eine Vielzahl an Themen aus rechtlichen Fragestellungen, administrativen Komponenten, Bildung und wirtschaftlichen Faktoren. Die Aspekte reichen von Kunst- und Künstlerförderung über Kunstrecht, Urheberrecht, Kriminalität (Kunstraub, Raubkunst, Beutekunst), Steuern, Kunstvermittlung, Marketing, Besucherforschung, Kunstmarkt bis zum Internet.

Historischer Rahmen und das Problem der Aktualität

Das Buch liefert interessante Einführungen zu vielen wichtigen, theoretischen Rahmenbedingungen. Bei der Definition des Kunstmarktes liegt der Fokus auf dem deutschsprachigen Raum, aber ohne dass die Geografie des Kunstmarktes klar definiert oder strukturiert wäre. Um welche Länder geht es? Kann man eine Analyse des Kunstmarktes machen, ohne dabei die internationalen Komponenten zu betrachten? 

Insgesamt möchte das ambitionierte Buch zu viel und scheitert etwas an seiner enormen Fülle. Als Leser würde man sich weniger Bereiche und stattdessen tiefergehende Analysen wünschen. Der Ansatz im zweiten Teil, die Rollen und Beziehungen der Akteure zum Kunstmarkt zu bestimmen, ist gut nachvollziehbar und kann viele verwertbare Einsichten liefern. Der dritte Teil kann hingegen aufgrund des fehlenden thematischen Rahmens auf einige wichtige Themen nicht tiefer eingehen. Kunstvermittlung wird nur durch eine theoretische Brille beleuchtet, obwohl es viele wichtige und innovative Vermittlungsformate gibt, die praxisnah hätten vorgestellt werden können – gerade in einem „Handbuch“, das Antworten auf konkrete Fragen liefern sollte. 

Vermutlich liegt die größte Schwierigkeit des Buches jedoch in der zeitlichen Dimension des Themas. Der Kunstmarkt ist ein dynamisches Feld, ständig im Wandel, jede Saison überholt die vorherige. Zahlen sind veraltet, sobald sie veröffentlicht werden, und können nur Einsichten für den jeweiligen Zeitpunkt geben. Das Buch thematisiert diese mangelnde Aktualität kaum und traut sich nur an wenigen Stellen, Prognosen und Tendenzen aufzuzeigen. Es setzt den Schwerpunkt auf Einführungen und historische Entwicklungen und verweigert sich so dem Risiko, beim Veröffentlichen bereits nicht mehr aktuell zu sein.

Fazit

Das Buch ist ein gutes Handbuch für all diejenigen, die ein Nachschlagewerk und eine Einführung zum Kunstmarkt suchen. Es biete eine Fülle an Literatur nach jedem Artikel und eignet sich als guter Startpunkt. Die einzelnen Artikel geben erste wichtige Einblicke in das jeweilige Feld, müssen aber für tiefere Fragen und Analysen mit zusätzlicher Literatur komplettiert werden. Das „Handbuch Kunstmarkt“ ist ein äußerst ambitioniertes Kompendium, das viele wichtige Analysen bietet, in der großen Fülle an unterschiedlichen Expertenartikeln aber nicht immer den roten Faden behält.

Anabel Roque Rodríguez ist freie Kunsthistorikerin ist Kuratorin und Redakteurin. Sie kuratierte Ausstellungen in Ecuador, München und Edinburgh und arbeitet u.a. in Vermittlungsformaten auf der Art Karlsruhe oder Art Basel, aber auch im institutionellen musealen Bereich. Derzeit ist sie an einem Langzeitprojekt zu „Kunst als Arbeit“ tätig, in dem sie sich mit den Arbeitsbedingungen in der Kunst, dem Mythos des armen Künstlers, Erfolg und der Entwicklung des Künstlers zum Creative Entrepreneur auseinandersetzt.

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Anabel Roque Rodríguez
03.01.2017, Kristin Oswald
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