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28. April 2017

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Hintergrundbericht

Vielfalt aus Prinzip: Soziokultur in Deutschland

Kultureinrichtungen müssen sich heute mehr denn je ihren Besuchern zuwenden, aktive Teilhabe an Kultur ermöglichen und die Bedürfnisse und Veränderungen einer pluralistischen Gesellschaft abbilden: Was in vielen Institutionen noch Umdenken erfordert, ist in Einrichtungen der Soziokultur bereits seit Jahrzehnten gelebte Praxis.

Die Kulturmanagement-Forschung hat sich bislang nicht besonders für das Feld der Soziokultur interessiert. Auf der anderen Seite betrachten Akteure der Soziokultur das Management von Kulturbetrieben bisweilen noch mit Skepsis. Dabei sind Kulturmanagement und Soziokultur kein Widerspruch – im Gegenteil. Dies ist der erste Beitrag einer Serie von Kulturmanagement Network über Kulturmanagement in der Soziokultur.

Was ist »Soziokultur«?


Ein Blick in die Fachliteratur zeigt schnell, dass Antworten auf diese Frage sehr differenziert ausfallen. Tatsächlich ist der Begriff selbst Gegenstand vieler Beiträge zum Thema, so auch in dem »Handbuch Soziokultur«, das 2015 von der Stiftung Niedersachsen herausgegeben wurde. Auffallend viele Beiträge, die sich mit dem »Begriff Soziokultur« auseinandersetzen, enthalten den Satz: »Die Soziokultur gibt es nicht.«.

Soziokultur wird beschrieben als »schillernder« und »sperriger« Begriff, der »definitorisch und kategorial schwer zu fassen ist« und der aufgrund seiner »Unbestimmtheit« nur bedingt identitätsstiftend wirkt. Von vielen AutorInnen wurde deshalb die Vielfalt als »Markenkern«, als »Programmbegriff« ausgegeben und zugleich zu ihrer Stärke erklärt: eine Vielfalt, die sich sowohl auf die inhaltliche Ausrichtung, das Programmangebot, die thematischen Schwerpunkte und die Zielgruppen bezieht. Eine andere Form der Annäherung geschieht durch eine Beschreibung von Prinzipien der Soziokultur: Ermöglichung von und Befähigung zur Teilhabe (statt Teilnahme), Förderung kreativer Eigentätigkeit, ressort-, generations-, spartenübergreifende Arbeitsweise, Überwindung der Trennung von »professioneller und Laienkunst«, von Kunst und Alltag, Vernetzung als Grundprinzip, Orientierung am Gemeinwesen und am regionalen Umfeld. Aufgrund der »Unschärfe« des Begriffes gehen einige AutorInnen davon aus, dass der »Selbstverständigungskurs« wohl permanent fortgesetzt wird. Gleichwohl ist in den Beiträgen die Suche nach einer Referenzdefinition erkennbar – hier werden insbesondere zwei Definitionen bemüht: die der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren und der Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland« (2007).

Ein Begriff ist in die Jahre gekommen

Auch die Frage, ob wir den Begriff »Soziokultur« heute noch brauchen, gibt immer wieder Anlass für Diskussionen. Für Hermann Glaser, der zusammen mit Karl-Heinz Stahl in den 1970er Jahren mit der Programmschrift der Neuen Kulturpolitik das Präfix »Sozio« in die bundeskulturpolitische Diskussion einbrachte, war dieses Präfix seinerzeit eine Hilfskonstruktion, die so lange gültig sein sollte, solange der affirmative Kulturbereich, vorherrschend sei. Für die Beibehaltung des Begriffs Soziokultur wird hingegen damit argumentiert, »dass Kultur und kulturelles Engagement in einen gesellschaftlichen Kontext eingebunden sind, dessen Entwicklung die Rahmenbedingungen für Kunst und Kulturarbeit stets neu definiert« (Norbert Sievers) oder damit, dass aus kulturpolitischer Sicht die Trennung zwischen Hoch- und Soziokultur immer noch Sinn mache – zur Beschreibung einer förderpolitischen Realität und zur Verdeutlichung eines Machtgefälles. Andere AutorInnen verweisen darauf, dass »Soziokultur« nicht (mehr) der Begriff ist, unter dessen Dach sich alle Akteure versammeln würden. Dies gelte insbesondere für Akteure im ländlichen Raum, Akteure aus den neuen Bundesländern, wo die Soziokultur eine andere Entstehungsgeschichte besitzt oder auch jüngere Akteure, obwohl sie mit politischen, sozialen und ökologischen Ansprüchen und soziokulturellen Methoden arbeiten. Deshalb wird von AutorInnen auch die Auffassung vertreten, dass wir ein »Rebranding« des Begriffes »Soziokultur« benötigen: realisiert durch eine stärkere Berücksichtigung in der Förderung und eine stärkere Berücksichtigung von freien Akteuren, die mit neuen Formaten und Ästhetiken dem Image der Soziokultur neue Facetten hinzufügen (Doreen Götzky).

Soziokultur ist auf einmal überall

Zugleich ist es so, dass die Soziokulturellen Zentren schon lange keinen »Alleinvertretungsanspruch« für Soziokultur mehr haben. Viele Methoden der Soziokultur werden mittlerweile von anderen Kultureinrichtungen übernommen, insbesondere auch von »Hochkultureinrichtungen«, dazu zählen beispielsweise Programme für Kulturvermittlung, das Aufsuchen »anderer« Orte, »Kunst und Kultur zum Selbermachen« oder die Einbindung bürgerschaftlichen Engagements (z.B. mit Fördervereinen). Auch diese Einrichtungen müssen sich intensiv um neues Publikum bemühen und die Rechtmäßigkeit ihrer Förderung unter Beweis stellen. Diese Beobachtung wird auch mit dem Begriff »Soziokulturalisierung« beschrieben.

Soziokultur in Zahlen

Einen Einblick in empirische Daten zur Soziokultur bietet die Befragung der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., mit der sie seit 1992 alle zwei Jahre Daten zu Situation und Perspektiven der Mitgliedseinrichtungen ihrer Landesverbände erhebt – wenngleich sie damit auch »nur« auf die Mitgliedseinrichtungen – 459 Soziokulturelle Zentren in 13 Landesverbänden – fokussiert und somit nicht die Daten aller soziokulturellen Akteure und Aktivitäten erfasst. Die aktuellsten Zahlen wurden im Frühjahr 2015 veröffentlicht und beziehen sich auf das Geschäftsjahr 2013/2014. Danach besuchen 13,5 Mio. Menschen pro Jahr die Soziokulturellen Zentren: davon besucht etwa die Hälfte Einzelveranstaltungen, etwas mehr als ein Viertel die kontinuierlichen und offenen Angebote und etwas weniger als ein Viertel sind Gäste der Gastronomie. Insgesamt offerieren die Soziokulturellen Zentren 250.000 kontinuierliche und offene Angebote und 86.000 Einzelveranstaltungen. Die Altersstruktur der NutzerInnen »entspricht dem generationenübergreifenden Anspruch der Zentren« (Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V. 2015). Jeweils etwa ein Drittel bilden die Altersgruppen 21 bis 40 Jahre und 41 bis 60 Jahre, ein knappes Viertel ist unter 20 Jahren und ein gutes Achtel über 60 Jahre alt. Auch der Kooperationsgedanke der Soziokultur wird durch die Zahlen belegt, denn 85 Prozent der Zentren stellen ihre Räumlichkeiten auch anderen Gruppen und Initiativen zur Verfügung.

Etwa ein Viertel der Einrichtungen wirkt im ländlichen Raum, insgesamt befindet sich die Hälfte der Soziokulturellen Zentren in Orten mit bis zu 100.000 EinwohnerInnen. Die Gesamteinnahmen der Soziokulturellen Zentren beliefen sich 2013 auf 172 Mio. Euro. Zu diesen Gesamteinnahmen trugen Eigeneinnahmen in Höhe von 83 Mio. (=48%) bei. Diese setzen sich zusammen Eintrittsgeldern, Kursgebühren, Mitgliedsbeiträgen sowie aus Vermietungen oder Spenden. 60,6 Mio. waren institutionelle Förderungen bzw. zweckgebundene Zuschüsse (Projektmittel und Investitionen) von den Kommunen (35%), 17,2 Mio. von den Ländern (10%) und 12,1 Mio. vom Bund, der EU, Stiftungen und Sonstigen Fördern (7%). Von den Ausgaben der Zentren bildeten die Personalkosten mit etwa 35 Prozent den größten Anteil, gefolgt von den Veranstaltungskosten (26%), Baukosten (15%) und Betriebskosten (11%).

Viel Ehrenamt – wenig Festangestellte

Von den 23.000 Menschen, die aktiv in Soziokulturellen Zentren mitwirken, sind knapp zwei Drittel freiwillig Engagierte bzw. ehrenamtliche MitarbeiterInnen, nur 9 Prozent hingegen sind Festangestellte und 16 Prozent sind Honorarkräfte bzw. Freischaffende. Darüber hinaus arbeiten Menschen in 400-Euro-Jobs, als Azubis, PraktikantInnen, im Rahmen von FSJ Kultur oder Bundesfreiwilligendiensten mit. Betrachtet man die Altersstruktur der Akteure, so zeigt sich, dass unter den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen bzw. freiwillig Engagierten der Anteil der über 60-Jährigen bei 14 Prozent liegt und dass bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Anteil der unter 20-Jährigen inzwischen bei 0,5 Prozent liegt.

Herausforderungen

Zu den Hausaufgaben, die die AutorInnen beispielsweise des »Handbuchs für Soziokultur« den soziokulturellen Akteuren mit auf den Weg geben, zählt insbesondere die Gestaltung des Generationswechsels in den Soziokulturellen Zentren. Gerade jüngere Akteure müssen stärker in die inhaltlichen und organisatorischen Prozesses der Zentren eingebunden werden. Hier sind Konzepte zur Nachwuchsförderung ebenso gefragt wie eine fachliche Begleitung der Zentren.

Obwohl die Professionalisierung in den Zentren weit vorangeschritten ist, fordern einige AutorInnen eine noch stärkere inhaltlich und fachliche Qualifizierung. Eine Möglichkeit dafür wäre eine stärkere Kooperation mit den Hochschulen . AutorInnen sehen hier nicht unbedingt die Notwendigkeit eigener Studiengänge für die Soziokultur, fordern aber ein, dass Soziokultur Bestandteil der mehr als 350 in Deutschland existierenden Studienangebote der Kulturvermittlung sein sollte. Zumal insbesondere in der Soziokultur – zwischen Traumjob und prekären Arbeitsverhältnissen – häufig qualifizierte Multitalente gefragt sind. Aber auch an die Kulturpolitik und Kulturverwaltung, nämlich die Impulse, die von der Soziokultur ausgehen, zu »sehen, wertschätzen und honorieren« der Impulse, die von der Soziokultur ausgehen – unter anderem auch in der Ausgestaltung von Förderung und entsprechenden Programmen.

Neue Programme zur Gestaltung der Transformationsprozesse

Diese Aufgaben haben inzwischen eine Reihe von Akteuren – sowohl die Förderer als auch die soziokulturellen Akteure selbst – angenommen. So wurden beispielsweise Programme zur Gestaltung des Transformationsprozesses aufgelegt. Zu nennen ist hier insbesondere die Stiftung Niedersachsen mit ihrem Programm »sozioK change«, bei dem soziokulturelle Träger gefördert werden, die Veränderungsprozesse in ihren Einrichtungen anstreben – wie z.B. der Entwicklung nachhaltiger Organisationsstrukturen, der Begleitung des Generationswechsels, der Erschließung neuer Zielgruppen, der Erarbeitung von Vermittlungskonzepten oder dem Aufbau neuer Netzwerke. Dazu zählt auch das Programm »Den Wandel gestalten – Visionen ermöglichen. Chancemanagement in der Freien Szene in Rheinland-Pfalz«, das sich an Einrichtungen und Initiativen richtet, die vor Veränderungsprozessen stehen und diese dabei begleiten mit Beratung und Qualifizierung. Auch länderübergreifende Programme existieren, wie beispielsweise »Zukunftsfähigkeit gestalten« in NRW und Hessen, dessen Fokus auf dem Thema Nachhaltigkeit liegt.

Insgesamt ist eine wachsende Bedeutung des Themas Transformation in der Förderpolitik zu beobachten (auch auf Bundesebene, wie das neue große Programm der Kulturstiftung des Bundes »Trafo – Modelle für Kultur im Wandel« mit dem Fokus auf den ländlichen Raum zeigt) – und dies bei verschiedenen Akteure: in den Landeskulturministerien, in Ministerien anderer Ressorts, bei (Landes)Kulturstiftungen – und natürlich vor allem bei den soziokulturellen Akteuren selbst: sowohl bei den Verbänden, die häufig an der inhaltlichen Ausgestaltung dieser Programme mitarbeiten und den Soziokulturellen Zentren und Initiativen, die sich innerhalb dieser Programme und darüber hinaus aufstellen, auch den zukünftigen Herausforderung aktiv begegnen zu können.

Ulrike Blumenreich studierte Angewandten Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg und der Högskolan Växjö (Schweden). Von 1995 bis 1999 war sie freie Mitarbeiterin der Kulturveranstaltungshalle Vamos in Lüneburg und seit 1999 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (IfK) tätig. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen in der Kulturpolitik, Kulturförderung, Kulturentwicklungsplanung und Soziokultur.

Weiterführende Literatur

Weitere Beiträge zum Thema:

 

Ulrike Blumenreich
16.01.2017, Eva Göbel
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