Zur Navigation springen
Zum Inhalt springen

Kulturmanagement Network

Internationaler Informationsdienst für Kultur & Management

Sie sind nicht im
KM-Portal eingeloggt.
23. März 2017

Es folgt der Seiteninhalt

Es folgt der Seiteninhalt
Vorheriger Artikel Nächster Artikel
nächster Artikel: Das Ende einer Ära: Armin Klei...
Seite zurück Liste
Interview

Das Gemeinwesen im Fokus: Professionalisierung in der Soziokultur

Soziokultur ist ein komplexes Arbeitsfeld mit einem hohen Leistungsanspruch: die Förderung des Gemeinwesens mit den Mitteln der Kultur. Sie ist darin so wirksam, weil sie direkt mit den Menschen in ihrem Stadtteil oder regionalem Umfeld verbunden ist. Kulturmanagement Network sprach mit Anne Pallas, Geschäftsführerin des Landesverbandes Soziokultur Sachsen, über die Professionalisierung des Arbeitsfeldes auf dem Weg zu mehr Anerkennung und Förderung.

Dieser Beitrag gehört zu einer Serie von Kulturmanagement Network über Kulturmanagement in der Soziokultur. 

Das Interview führte Eva Göbel, e.goebel@kulturmanagement.net

KMN: Frau Pallas, wenn wir über Professionalisierung in der Soziokultur sprechen, dann stellt sich zunächst die Frage, was eigentlich das Arbeitsfeld von der sogenannten Hochkultur unterscheidet ….

Anne Pallas: Die Soziokultur ist ganz klar ein eigenständiges Arbeitsfeld und besitzt damit auch eine eigene Funktionslogik. Ziel der Soziokultur ist nicht primär die Kunstförderung, sondern die Förderung des Gemeinwesens und des Gemeinwohls mit den Mitteln der Kunst. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Institutionen der Hochkultur, die eigentlich Kunstförderung betreiben. Der öffentliche Auftrag an die Soziokultur lautet, dass sie möglichst viele Menschen aus unterschiedlichen Milieus erreicht, gesellschaftlichen Zusammenhalt und vor allem Teilhabe fördert und politische und kulturelle Bildung vermittelt. Das ist die Mission. Die Vision ist die starke, artikulationsfähige Bürgergesellschaft. Soziokultur im Unterschied zur Hochkultur hat damit auch einen viel breiteren Kulturbegriff, der Kultur auch mit Zivilisation und Gesellschaftlichkeit konnotiert.

KMN: Das Wort Professionalisierung meint eigentlich die Entwicklung einer privaten oder ehrenamtlichen Tätigkeit zum Beruf, oder auf einer weiteren Entwicklungsstufe eines Berufs zur Profession. Was bedeutet Professionalisierung im Kontext der Soziokultur?

Anne Pallas: Es gibt mehrere Ebene bei der Professionalisierung. Ein ganz wichtiger Punkt dabei ist tatsächlich die Verberuflichung. Ich spreche mich sehr stark dafür aus, dass wir auch in der Soziokultur in eine Art Fachkraftgebot haben. Denn die Aufgaben einer professionell verstandenen und wirklich wirksamen Soziokultur sind derart komplex, dass bürgerschaftliches Engagement oder Ehrenamtsstrukturen das nicht leisten können. Eine wirksame Gemeinwesenarbeit oder Beteiligungsorientierung setzt voraus, dass ich mich mit Methoden und der richtigen Ansprache auskenne, dass ich in der Nachbarschaftsförderung und weiteren Arbeitsfeldern erfahren bin, die über mehrere Ressorts laufen. Dafür müssen Synergien zwischen dem Kulturbereich, dem Jugendbereich und dem Sozialbereich geschaffen werden. Um das zu leisten, brauche ich eine hauptamtliche Mitarbeiterstruktur und natürlich ein entsprechendes Ausbildungsprofil.

KMN: Wie sieht Ihr Vorgehen für eine Fachkraftförderung in der sächsischen Soziokultur aus?

Anne Pallas: Wir wollen z.B. über den Zuwendungsgeber einen finanziellen Anreiz schaffen, dass gerade bei Neueinstellungen in den soziokulturellen Zentren Leute mit der richtigen Ausbildung eingestellt werden. Im Kulturraum Mittelsachsen haben wir z.B. eine Fachkraftförderung anstoßen können: Es gibt in Form einer dreijährigen Projektförderung extra Geld für die Bezahlung von Fachkräften, vom Geschäftsführer bis zum Finanzverwalter. Zentren, die bereits qualifiziertes Personal haben, bekommen das Geld trotzdem und können damit andere Projekte finanzieren.

KMN: Wie müsste die Ausbildung für das Arbeitsfeld Soziokultur aussehen?

Anne Pallas: Ich kenne keine Ausbildung in Deutschland, die dafür besser geeignet wäre, als das Kulturmanagement. In Sachsen ist es bereits so, dass immer mehr Menschen mit einem Kulturmanagement-Hintergrund die Geschäftsführung soziokultureller Zentren übernehmen - und das ist auch zwingend notwendig. Denn die Arbeitsfelder in der Soziokultur sind wesentlich weniger arbeitsteilig organisiert als in großen Kulturinstitutionen. Es ist also eine sehr genrealistische Tätigkeit, die über viele Ressorts Bescheid wissen muss: Von der GEMA zur KSK, von der Personalführung bis zu den Finanzen und der kommunalen Kulturpolitik.

KMN: Würden Sie sich wünschen, dass in das Curriculum der Kulturmanagement-Studiengänge mehr Soziokultur aufgenommen wird?

Anne Pallas: Auf jeden Fall, denn die Kernkompetenz der Soziokultur ist die Organisation von Teilhabe. Ob Community Organizing, Community Education, Audience Development oder Diversity-Ansätze, das wird im Soziokulturmanagement bereits seit Jahrzehnten gemacht und sorgt dafür, dass die gesellschaftliche Relevanz von Kultur überhaupt erst erfahrbar wird. Und tatsächlich erfolgt ja bereits seit Jahren die Soziokulturalisierung der Hochkultur. Wie viel einfacher und wirkungsvoller wäre es, wenn bereits in der Ausbildung Hoch- und Soziokultur zusammengedacht würden. Die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen z.B. des demografischen Wandels oder der Digitalisierung erfordern auch Transformationsprozesse im gesamten Kulturbereich, der sehr gewinnbringend von soziokulturellen Ansätzen lernen könnte. 

KMN: Wie ist es zu erklären, dass es für ein Stadttheater oder ein Museum völlig normal ist, hauptamtlich angestellte Geschäftsführer und Mitarbeiter zu haben, dieser Status quo in der Soziokultur aber noch teilweise erkämpft werden muss? 

Anne Pallas: Das hat mit der Geschichte der Soziokultur zu tun. In den alten Bundesländern ist die Soziokultur durch zivilgesellschaftliche Akteure aus einer Art Graswurzelbewegung heraus entstanden und hat zum Teil immer noch die Haltung einer Gegenkultur. In der Kommunalpolitik sind solche Bilder noch vielfach vorhanden. Vom rollkragentragenden Müsliesser bis zu renitenter Antibürgerlichkeit kursieren hier noch viele Vorurteile, die den Blick auf die Leistungen dieser Arbeit verstellen. Vor allem aber ist die Soziokultur eine sehr junge Kultursparte, die im Sinne einer selbstverständlichen Förderung noch nicht zu den Etablierten zählt. Dass die Soziokultur aber als Arbeit am Gemeinwesen verstanden werden muss, die sich nicht nur aus ehrenamtlicher Arbeit speisen kann und deswegen öffentlich gefördert werden muss diese Erkenntnis setzt sich erst langsam durch. In den neuen Bundesländern ist die Ausgangssituation anders, dort bestand in der DDR-Zeit bereits ein flächendeckendes Netz an professionell geführten Kulturhäusern, die  - natürlich abgesehen von politischer Ideologie und Indoktrinierung - bereits grundlegend die Funktion erfüllt haben, die soziokulturelle Zentren auch heute haben. Diese Zentren und viele weitere neue Trägerstrukturen wurden nicht gegen, sondern mit der Verwaltung aufgebaut. Das führt zu einem völlig anderen Selbstverständnis. Unter unseren Mitgliedern gibt es auch nur ein einziges ehrenamtlich geführtes Haus.

KMN: Was würden Sie jemandem sagen, der aufgrund des Selbstbildes der Soziokultur als Gegenkultur eine Professionalisierung des Arbeitsfeldes ablehnt oder skeptisch betrachtet?

Anne Pallas: Wer seine Arbeitswelt professionell gestaltet, setzt einen Erfolgskreislauf in Gang. Indem ich eine gute Kommunikationsstrategie entwickle, habe ich ein besseres Auftreten bei meinen Zuwendungsgebern und Stakeholdern, bei Unternehmen die mich unterstützen oder Vereinen, die mein Netzwerk stärken. Ich muss die Themenfelder Kommunikation, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit professionell beherrschen, wenn ich meinem Auftrag gerecht werden will, nämlich  das Gemeinwohl und Gemeinwesen mit den Mitteln und Methoden der Kulturarbeit zu fördern und zu gestalten. Mehr Besucher bedeuten zum Beispiel auch eine höhere Wahrnehmung und Wirkung, bessere kulturpolitische Argumente, eine Stabilisierung der Förderung, Einnahmensteigerung usw. Wirksam sein, im Sinne der Aufgabe, hat eben viel mit Wahrnehmung, Ausstattung und Angebotsqualität zu tun. Da kann ich nicht einfach sagen, dass mir 3000 Besucher im Jahr reichen. Nebenbei gesagt, kann man auch „Gegenkultur“ professionell machen, nur eben mit anderen Mitteln. Das wäre für mich schon deshalb kein Widerspruch. 

KMN: Wie kann man die Wirkung der Soziokultur auf das Gemeinwesen messen?

Anne Pallas: Wenn man es genau machen wollte, müsste man eine Langzeitanalyse oder eine Sozialraumstudie anstoßen, aber in Deutschland ist mir kein solcher Versuch bekannt. Sozialwissenschaftlich ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, denn man müsste verschiedene Milieus untersuchen und individuelle Faktoren wie das Elternhaus ausschließen, um die bewirkte Resilienz der Soziokultur zuzuschreiben. Aber eine Programmanalyse, die Evaluierung meiner Methoden oder Besucherbefragungen sind immer möglich. Kommt mein Publikum aus unterschiedlichen Mileus? Habe ich politische und zeitgenössische Bezüge im Programm? Treffen in meinem Haus unterschiedliche Altersgruppen aufeinander? Kann ich Prozesse im Gemeinwesen anstoßen und gestalten? Es müssen nicht immer nur Kennzahlen sein, sondern auch Reflexionen aus Teamsitzungen, Mitgliederversammlungen oder Beobachtungen. Wenn die Besucher noch zwei Stunden lang mit dem Künstler Wein trinken, oder wenn sich Senioren und Jugendliche auf gemeinsame Regeln bei der Raumnutzung einigen, dann kann ich ganz klar beschreiben, das hier eine Wirkung erzielt wurde. 

KMN: Welche Rolle spielen Sie als Landesverband bei der Professionalisierung?

Anne Pallas: Wir fördern ein Mitglieder-Netzwerk der gegenseitigen Hilfe zur Selbsthilfe, stoßen zu Selbstreflexion an, bieten Weiterbildungen an und beraten, geben Impulse und stellen auch konkrete Arbeitsmaterialien zur Verfügung und natürlich wirken wir in die  Kulturpolitik, um solche Prozesse z.B. auch finanziell unterstützen zu können. Eines unserer wichtigsten Werkzeuge ist der Kriterienkatalog Soziokultur, der Gelingensbedingungen für eine am Gemeinwohl orientierte Kulturarbeit Schritt für Schritt benennt und der ständig fortgeschrieben wird.. Dieser Kriterienkatalog ist inzwischen Fördergrundlage in allen acht Kulturräumen Sachsens und das treibt die Professionalisierung ungemein voran. Unsere Bibel, wie wir sie liebevoll nennen, wird in ihrer nächsten Fortschreibung noch konkreter werden und sich zum Beispiel auch zu Qualifikationen und deren Eingruppierung verhalten sowie Bezug zu aktuellen Herausforderungen nehmen, etwa das Thema Integration.

KMN: Können Sie eine konkrete Folge benennen?

Anne Pallas: Wir sorgen damit für eine höhere Qualität der soziokulturellen Arbeit und wenn es sein muss, machen wir uns auch für eine Umverteilung der Fördergelder stark. Wenn ein Zentrum den Kriterien nicht entspricht, oder sagen wir, dass es sich überholt hat, vielleicht kraft- und ideenlos geworden ist, wirkungslos vor sich hin wurschtelt, dann empfehlen wir auch eine Einstellung der Förderung. So etwas passiert natürlich nie von heute auf morgen, das ist ein langer Prozess, dem meist viele vergebliche Beratungen und Interventionen voraus gegangen sind Das ist oft hart aber das muss jeder aushalten. Unsere Aufgabe als Landesverband ist ja nicht die Förderung einzelner Zentren, sondern des Gemeinwohls und der Soziokultur insgesamt. Wir sehen das ganz pragmatisch. Fördermittel sind knapp. Wir können uns keine Bindung solcher Gelder an wirkungslosen Orten leisten. Und manchmal ist es sogar so, dass der Fördermittelentzug zur Neuerfindung führt. Die Umordung der Dinge braucht zuweilen eine Krise. 

KMN: Ist angesichts dieser Konsequenz die Angst vor Evaluationen dann nicht besonders groß?

Anne Pallas: Ich kann die Angst vor Evaluationen nicht nachvollziehen. Wenn ich gute Arbeit mache, ist eine Evaluation das Beste, was mir passieren kann. Ich kann damit z.B. Kriterien entwickeln und verstehen lernen, warum ich so gut funktioniere oder wo ich besser werden kann. Eine Evaluation zwingt immer zur Selbstreflexion. Im Dresdner Putjatinhaus e.V. hat die erfolgreiche Evaluation dazu geführt, dass der Verein eine dreijährige Förderung bekam und kulturpolitisch überhaupt nicht in Frage steht. Sowas ist ein Geschenk! Wenn ich hingegen vorausahne, dass ich schlecht abschneiden werde, dann stimmt doch etwas mit meiner Arbeit nicht. Voraussetzung ist natürlich, dass die Evaluation professionell gemacht ist. Sollte das mal nicht der Fall sein, setzt sich auch der Landesverband ein und evaluiert die Evaluation. Wir sind also nicht nur Evaluationsbefürworter, sondern auch Evaluationskontrolleure. 

KMN: Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Weitere Beiträge zum Thema: 

Eva Elodie Göbel, Anne Pallas
13.02.2017, Eva Göbel
Vorheriger Artikel Nächster Artikel
nächster Artikel: Das Ende einer Ära: Armin Klei...
Seite zurück Liste
Ähnliche Artikel in Seite zurück Allen Themenbereichen
[Arbeitsmarkt] [Ausbildung/Studium] [Personal/Human Resource Management] [Soziokultur]

Ähnliche Artikel in Seite zurück Allen Sparten
[Arbeitsmarkt] [Ausbildung/Studium] [Personal/Human Resource Management] [Soziokultur]