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28. März 2017

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Bücher

Buchrezension: Transkulturelle Dynamiken. Aktanten – Prozesse – Theorien

Die Kultur kann und muss in Zeiten von Globalisierung und Migration wieder verstärkt ein Kontaktraum für Menschen verschiedener Herkunft, Milieus oder Meinungen sein. Um sich die entsprechenden Handlungsmöglichkeiten zu erschließen, ist es notwendig, die entsprechenden Dynamiken zu verstehen. Einen Beitrag dazu leistet das Buch „Transkulturelle Dynamiken“ von Jutta Ernst und Florian Freitag.

„Woher mag es wohl kommen, dass ihr euch auf alles fixiert, was ‚trans‘ ist?“ 
Mit dieser provokanten Frage des Wissenschaftlers Daniel Latouche aus dem Jahr 1990 eröffnen die Herausgeber Jutta Ernst und Florian Freitag, beide Professoren und Mitglieder des Forschungsschwerpunkts Historische Kulturwissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, ihren Band „Transkulturelle Dynamiken. Aktanten – Prozesse – Theorien“.

Beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass diese Frage, obwohl bereits 25 Jahre alt, durchaus einen sehr aktuellen Bezug hat. Er zeigt das Erkenntnisinteresse der Herausgeber, ausgehend von einem weiten Kulturbegriff Wissenschaftler verschiedenster Forschungsbereiche zu versammeln, die im Zusammenspiel das Phänomen der Transkulturalität verdeutlichen. Dabei beleuchtet der Band Hintergründe und Entstehungsprozesse aus Hoch- und Popkultur und sensibilisiert für das Zusammenwirken verschiedener kultureller Prozesse.  

Definition von Transkulturalität als Merkmal moderner Gesellschaften
Die Herausgeber beschreiben zunächst die historischen Etappen des Begriffs Transkulturalität, von der kubanischen Anthropologie über die amerikanische Literaturwissenschaft bis in die europäische Kulturwissenschaft. Der deutsche Philosoph Wolfgang Welsch beschrieb “Transkulturalität“ 1992 als „ein generelles Merkmal heutiger Gesellschaften“, welches sich aufgrund von Migrationsprozessen und technologischen Neuerungen entwickelte. Damit wendet er sich gegen territorial gebundene Kulturkonzepte. Ernst und Freitag legen auf dieser Basis eine Definition dar, nach der Transkulturalität nicht Inter- oder Multikulturalismus bedeutet, sondern  ein Phänomen der „contact zone“ beschreibt, einen Kulturkontaktraum, in dem verschiedene Kulturen aufeinandertreffen.

Überschreitung kultureller Grenzen

Neben diesem Verständnis wurde Transkulturalität in der jüngsten Forschungsliteratur eine Doppelbedeutung  zugeschrieben: einerseits als „cross-cultural competence“ jenseits spezifischer kultureller Praktiken und andererseits als „plural sense of self“ im Sinne von kulturunabhängigen und -übergreifenden Beziehungen von Individuen und Gruppen. Dementsprechend kann von einem dynamischen Begriff gesprochen werden, der mit den aktuellen Diskussionen um nationale oder religiöse „Leitkulturen“ oder Wertesysteme auch für KulturmanagerInnen an Bedeutung gewinnt. Damit die Kultur sich ihren Platz als „Dritter Ort“ der Aushandlung und Reflexion weiterhin sichern kann, wird für KulturmanagerInnen die Arbeit in internationalen oder interkulturellen Kontexten selbstverständlich und ein tiefgehendes Verständnis von Identitäts- und Machtstrukturen notwendig werden müssen.

Im Jahr 2013 veröffentlichte der amerikanische Anthropologe Scott A. Lukas einen Essay, in dem er „cultural sampling“, also eine Technik zur bewussten Überschreitung kultureller Grenzen, beschreibt. Als typisches Beispiel nennt er  Themenparks. Diese stellen eine kulturelle Durchmischung dar, weil dort bewusst verschiedenste Kulturen nebeneinander abgebildet werden, wie der „Timbuktu-Themenbereich“, welcher neben einer Antarktis-Show stattfindet. Mit diesem Hintergrundwissen des Konzepts „cultural sampling“, welches auf andere Bereiche übertragen werden kann, können KulturmanagerInnen bewusst die Überschneidung verschiedener Kulturen gestalten.

Versammelte Beiträge
Ausgehend davon lassen sich die Beiträge des Bandes als weitere Beispiele für transkulturelle Prozesse beleuchten. Sie bilden verschiedene kulturelle Sparten ab, von kanadischer Literatur über „Wagner goes East“ bis hin zum indigenen Kino in Neuseeland. Ebenso kommen soziokulturelle Beiträge, solche über Transkulturalität im Sport oder Essen als Kulturkontakt vor. Zudem liegen diachrone – also verschiedene Zeitepochen verbindende – Betrachtungen zum Einfluss außereuropäischer Kulturformen vor, die durchaus erhellend sein können für das heutige Verhältnis zwischen Hoch- und Soziokultur und die Ansprache von neuen Publikumsgruppen. Zum Beispiel stellt Margit Peterfy die afroamerikanischen Einflüsse auf das amerikanische Showbusiness im 19. Jahrhundert vor, die dazu führten, dass die Geschichte des Unterhaltungstheaters auf transkulturellen Konstellationen beruht.

Für KulturmanagerInnen ergeben sich durch die übergreifende Betrachtung dieses Bandes einige Anknüpfungspunkte für die tägliche Praxis. Die Beiträge sensibilisieren für kulturpolitisch wichtige Themen, beispielsweise in Form einer interkulturellen Medienanalyse im Beitrag „Transkulturelle Dynamiken im TV“ von Christoph Vatter. Er untersucht, inwieweit im Medium Fernsehen, insbesondere in TV-Serien, die Themen Multikulturalismus, Integration und interkulturelle Kommunikation aufgegriffen und verhandelt werden. Das Medium Fernsehen als „Fenster zur Welt“ ist sowohl auf Rezipienten- als auch auf Produktionsseite stark von nationalen Bedingungen geprägt. Gleichzeitig stellt es einen „Spiegel von Identitäts- und Zugehörigkeitsvorstellungen“ dar. Das Fernsehen als interkultureller Vermittler, gelenkt von Medien- und KulturmanagerInnen, könnte also durchaus zur gesellschaftspolitischen Entwicklung beitragen, wie beispielsweise die ARD-Vorabendserie „Türkisch für Anfänger“ von Bora Dagtekin verdeutlicht.

Fazit
Der Band „Transkulturelle Dynamiken“ greift in Zeiten der Postmoderne mit ihren Phänomenen, wie der zunehmend vereinfachten Mobilität verschiedener Kulturen über Grenzen hinweg ein gegenwärtiges Thema auf. Dabei erscheint es, wie in der Einleitung beschrieben, durchaus notwendig und sinnvoll, die Vorstellung eines geschlossenen Kulturkonzeptes abzulegen.

Durch den einführenden umfassenden historischen Umriss der HerausgeberInnen, der als Rahmung aller Beiträge dient, lassen sich Schlüsse auf die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen im Bereich Transkulturalität und der kulturellen Grenzüberschreitung ziehen – einerseits, die bestehenden kulturellen Grenzen durchlässiger zu machen, gleichzeitig jedoch die für eine bestimmte Kultur typischen Phänomene nicht untergehen zu lassen, sondern in einer globalen Transkulturalität zu bündeln.

Für KulturmanagerInnen liefert dieser Band damit vielfältiges Hintergrundwissen zu einzelnen kulturellen Phänomene, die Grenzen überschritten haben, sowie allgemein zum Thema Kulturtheorie, die man bei der Gestaltung offener kultureller Konzepte im Hinterkopf behalten sollte. Auf diese Weise könnte es möglich sein, neue Rezipienten- und Besuchergruppen zu erschließen und den Kulturbetrieb gemäß der gesellschaftspolitischen Fortschritte weiterzuentwickeln.  

Abschließend ist dieser Band auch für jeden lesenswert, der sich für die Konstruktion kultureller Identität interessiert, da diese sich durch transkulturelle Prozesse erheblich verändert.

Lena Weyers studiert „Germanistik, vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft“ sowie „Politik und Gesellschaft“ mit dem Schwerpunkt Kultursoziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Neben dem Studium arbeitet sie bei der „Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen“, ist an verschiedenen freien Theaterprojekten beteiligt und unterstützt die „Skandinavischen Filmtage Bonn“ im Bereich Kultursponsoring.

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Lena Weyers
24.02.2017, Julia Jakob
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