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28. März 2017

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Bücher

Buchrezension: Ab in die Provinz! Rurale Kunst- und Kulturinitiativen als Stätten kultureller Mitbestimmung

Der demografische Wandel beeinflusst den Kulturbereich insbesondere in ländlichen Gebieten. Wie Kulturprojekte hier die zunehmend fehlenden Begegnungs- und Sozialräume und Orte der Kommunikation, ersetzen können, zeigt der von Sieglinde Lang herausgegebene Sammelband „Ab in die Provinz!“ am Beispiel Österreichs.

Die Abwanderung der jungen Generationen und das Aussterben der Ortszentren sind deutliche Merkmale der zentralen Probleme ländlicher Räume: mangelnde Standortattraktivität und schwächer werdende Infrastrukturen. Kultureinrichtungen in kleinen Städten und ruralen Gegenden gehören oft zu den Leidtragenden dieser Probleme, denn mit ihren Zuschauerzahlen sinken auch ihre Überlebenschancen. Dabei können einzelne Kulturinitiativen gerade in ländlichen Räumen häufig mehr bewirken als ein weiteres Projekt in einer Großstadt und viel zur Standortattraktivität beitragen.

Hier setzt der 2016 erschienene Band der Kulturwissenschaftlerin Siglinde Lang an. Er ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil ergründen Experten aus Soziologie und Kulturwissenschaften in sechs Fachartikeln den Status quo der Kunst- und Kulturarbeit im ländlichen Raum. Hier werden zentrale Begriffe und Aussagen mit Sachlichkeit und Genauigkeit erläutert. Der zweite Teil lässt den Leser anhand von Interviews mit unterschiedlichen Kulturakteuren an deren Erfahrungen teilhaben. Diese Formate wirken lebendig und begünstigen die Lesbarkeit.

Aufbau des Buches und Übertragbarkeit auf Deutschland
Insgesamt bietet die Publikation einen interessanten Überblick über die vielfältigen Perspektiven zum Thema Kunst- und Kulturinitiativen in ländlichen Räumen Österreichs. Die wissenschaftlichen Artikel sind gut strukturiert und befassen sich u.a. mit Förderrichtlinien, Herausforderungen und Möglichkeiten, Kunst und Kulturverständnis sowie Partizipation und soziokultureller Regionalentwicklung. Jeder Beitrag ist für sich abgeschlossen und erleichtert so eine weitere Nutzung als Nachschlagewerk oder als Inspirationsquelle.

Das Buch gibt somit einen Einblick über den derzeitigen Stand in Österreich. Hier nehmen wissenschaftliche und politische Experten das Thema Kulturarbeit im ländlichen Raum gemeinsam bei Symposien, Konferenzen, etc. in den Blick. Zugleich müssen sich die Kulturakteure vor Ort auf weiter sinkende finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen einstellen. „Der Aufbau themen-, sparten-, und gebietsübergreifender Netzwerke und Allianzen ist in der Regel jedoch schwierige Basisarbeit“, so Anita Moser in ihrem Beitrag (S.37). Wünschenswert wäre deshalb eine stärkere Vernetzung der Aktiven in den ländlichen Gebieten für einen besseren Erfahrungs-, und Wissenstransfer sowie eine nachhaltige Zusammenstellung nützlicher Informationen.

Dieser Zustand lässt sich auch auf die ländlichen Gebiete in Deutschland übertragen. Hier bringt der demografische Wandel ebenfalls folgenreiche Veränderungen wie Vereinsamung in den ruralen Regionen hervor. Partizipative Kulturarbeit im ländlichen Raum ist deshalb Pionierarbeit mit besonderer Relevanz für die zukünftigen Herausforderungen und Chancen in weniger dicht besiedelten Gebieten.

Zielgruppe und Erkenntnisse
Für Studierende im Bereich Kulturmanagement und interessierte Kulturakteure ist „Ab in die Provinz!“ eine lesenswerte Lektüre, die diverse Einsichten, Herausforderungen und Möglichkeiten in diesem kompakten Sammelband von rund 150 Seiten vereint. So zeigt er, dass Kulturschaffende in ruralen Regionen einerseits Wegbereiter sind, die mit großem persönlichen Einsatz und Durchhaltevermögen viele Grundvoraussetzungen für ihre professionelle Arbeit erst selbst schaffen müssen. Andererseits können sie kulturelle Möglichkeitsräume als Versuchsräume initiieren und zum aktiven Mitgestalten anregen. Und sie können durch die Auseinandersetzung mit „lokalen Besonderheiten“ und relevanten zeitgenössischen Themen bei der Bevölkerung für eine diversitätsbewußte Kultur jenseits der verbreiteten „Mainstreamprogramme“ sorgen.

Partizipation vor Ort umsetzen
Auf dieser Basis ermöglicht der Band, sich schnell in die verschiedenen Herangehensweisen und Ansatzpunkte einzuarbeiten. Ein zentraler Punkt ist dabei die Einbindung der Bewohner im ländlichen Raum schon in die Entwicklung der Projekte. Sie verfügen, z.B. durch ein traditionelles, lebendiges Vereinsleben, über hilfreiche Netzwerke und können durch persönliche Kontakte helfen, mögliche Hemmschwellen ab- und Vertrauen sowie Akzeptanz für die Zusammenarbeit aufzubauen. Im Buch werden diese Möglichkeiten anhand von Beispielen wie dem Kulturverein frei-wild-molln, dem KlangHaus Untergreith, dem offenen Kunst- und Kulturhaus Vöcklabruck oder dem Land-Projekte „lawine torren“ beschrieben.

Für die Kulturschaffenden ist es dabei wahrscheinlich die größte Herausforderung, dass Kulturinitiativen in ländlichen Räumen in einem schwierigen Spannungsverhältnis wirken. Auf der einen Seite stehen Formate kultureller Mitbestimmung durch Zusammenarbeit mit der Bevölkerung vor Ort bis hin zu deren „direkten Einbeziehung“ in die Projekte, auf der anderen die oftmals mangelnde Akzeptanz für kritische zeitgenössische Kunst und neue Kunstformate. Die Kooperation von Künstlern, Kuratoren und Kulturmanagern mit den Menschen, Vereinen und Institutionen auf dem Land ist ein nicht zu unterschätzender Aspekt und bedarf einer intensiven Basis- und Aufbauarbeit.

Zugleich besteht darin auch eine große Chance für Kulturakteure, gemeinsam mit den Menschen in abgelegenen Regionen neue Begegnungs- und Möglichkeitsräume zu gestalten und sie in Zeiten der Digitalisierung einzuladen, durch Mitbestimmung und Mitwirkung auch analog zum „Prosumer“ zu werden. Damit ist Kulturarbeit auf dem Land viel stärker von Partizipation und gemeinschaftlichen Handeln geprägt als in den Städten, in denen sich dies – zumindest abseits der Soziokultur – vor allem auf oft eng strukturierte Freundeskreise beschränkt.

Ein solcher generationsübergreifender Ansatz trägt zur Stabilisierung der Gemeinschaft grundlegend bei und eröffnet neuartige Kommunikationsräume dort, wo in den Kommunen durch Kürzungen bei den Kultureinrichtungen bereits schmerzliche Lücken entstanden sind. Insgesamt ist der vorliegende Sammelband eine gelungene Kombination aus wissenschaftlichen und praktischen Sichtweisen auf ein hochaktuelles gesellschaftliches Thema und bietet wichtige Impulse für die weitere kulturpolitische Diskussion.

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Birgit & Uwe Dresemann
01.03.2017, Julia Jakob
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