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26. Juni 2017

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Konferenzbericht

Die Kunst, umzulernen. Rückblick auf die Tagung des Fachverbands Kulturmanagement zu „Kultur im Umbruch“

Veränderung ist derzeit überall zu spüren. Im Kulturmanagement ebenso wie in neuen Formaten und Angeboten für die Besucher. Transformation ist deshalb das Wort der Stunde. Wie genau sie umgesetzt werden kann, fragte die diesjährige Tagung des Fachverbands Kulturmanagement.

Etwa 100 Teilnehmer diskutierten vom 19. bis 21. Januar in Weimar, wie Kultureinrichtungen ihre Inhalte und Strukturen auf Veränderungen einstellen können. Dabei zeigte die Vielfalt des Programmes, dass beinahe jeder Aspekt der Kulturarbeit derzeit Wandlungen unterliegt – von der Gestaltung der kulturellen Angebote bis zur Anpassung der Arbeitswelten, Strategien und Werkzeuge – und dass es keine Patentlösungen geben kann. 

Trotz der Aktualität der Inhalte war dies auch die Schwäche der Tagung: Aufgrund der Breite des Themas konnte jeder Bereich nur angerissen werden, für tiefergehende Diskussionen blieb zu wenig Raum. Dabei hätten gerade die Vielfalt der Ansätze und Expertisen zu fruchtbarem Austausch führen können, bei dem die verschiedenen Aspekte eines Themas mitbedacht werden, um bereichsübergreifende Lösungsansätze zu eröffnen. Solche Konzepte müssen künftig innerhalb der Organisationen gemeinsam erarbeitet werden und auch bei Tagungen stärker im Mittelpunkt stehen.

Internationalisierung und Interkulturalisierung

Insgesamt boten die sieben Panels der Jahrestagung trotzdem wertvolle Einblicke in aktuelle Forschungen und Projekte. Sie zeigten auf, dass es nicht nur die richtigen Handwerkszeuge, sondern auch die richtige Einstellung braucht, um sich an Veränderungen anzupassen. Deutlich wurde dies etwa am Vortrag von Steffen Höhne. Er legte dar, wie sich das Fach Kulturmanagement in den 10 Jahren seit der Gründung des Fachverbandes verändert hat und mit welchen Herausforderungen Praxis und Forschung derzeit konfrontiert werden. Dabei sprach er etwa die Hinwendung zur Besucherorientierung an. Diese bezeichnete er als „Erosion hochkultureller Formen“, die dem „Wunsch nach einer der Wissenschaft nicht angemessenen Komplexitätsreduktion“ entspringe. Eine solche Auffassung zeigt, wie Martin Zierold anmerkte, „ein verkürztes Verständnis sowohl von Anwendungsorientierung und Wissenschaft“. 

Wie deutsch dieses Kulturverständnis ist, wird im Vergleich mit anderen Ländern deutlich. Dort sind besucherorientierte Kulturmanagement-Ansätze wie Audience Development und Community Building eine wichtige Grundlage guter Kulturarbeit, die künstlerischen Anspruch mit sozialen Aspekten verbindet. So zeigte Birgit Mandel mit ihrer aktuellen Studie zur Internationalisierung des Kulturmanagements, dass sich die hiesigen Strukturen verändern müssen, damit Kultur gerade in Zeiten von Krise und Veränderung ihre Wirkung entfalten kann. Als Hindernisse dafür stellte sie u.a. Aspekte wie Eurozentrismus oder das kulturelle „Mainstreaming“ des Westens heraus. So zeigen die Ergebnisse etwa, dass sich das westliche Verständnis von Kulturmanagement als administrative Aufgaben nicht ohne Weiteres verallgemeinern lässt. In anderen Ländern sehen sich Kulturmanager eher als Botschafter, die mit Kultur die Gesellschaft verändern wollen. Sie sammeln dabei Know-how, dass sich bei uns vor allem in der Soziokultur findet, aber für das Zusammenspiel von Kultur und Gesellschaft auch in anderen Sparten unerlässlich werden wird. 

In diesem Kontext verdeutlichte der Vortrag von Jürgen Bolten, dass künstlerische und interkulturelle Kompetenz nicht automatisch miteinander einhergehen, sondern erlernt und strategisch verankert werden müssen, um neue Zielgruppen wirklich zu überzeugen und auf Augenhöhe einzubinden. Vera Allmanritter machte in ihrem Vortrag über „Menschen mit Migrationshintergrund als Kulturpublikum“ klar, wie häufig ein verzerrtes Bild davon herrscht, wen diese sehr heterogene Gruppe umfasst und wie man sie ansprechen könne. Anstatt länderspezifischer Besonderheiten solle man sozialen Status, Milieus und Interessen in den Mittelpunkt stellen. Zudem sei auch das hiesige (Hoch-)Kulturverständnis nicht allgemeingültig. Im interkulturellen und internationalen Kontext ist es also vor allem fehlende Sensibilität, die die Zusammenarbeit mit bestimmten Besuchergruppen oder internationalen KollegInnen erschwert. 

Neue Strukturen und Strategien

Solche Einsichten werden sich künftig verstärkt auf die hiesigen Strukturen auswirken, deren Transformation einen zweiten Schwerpunkt während der Tagung darstellte. So zeigte Benjamin Andrae in seinem Vortrag auf, dass die Zugehörigkeit zu einer Generation die Vorlieben des Publikums ebenso stark prägt wie der Kontakt mit Kultur in Kindheit und Jugend. Demnach ist es nicht so, dass sich der Kulturgeschmack im Laufe des Lebens verändert, und der Grund für das gealterte Publikum, dass sich viele Einrichtungen nicht an die veränderten Ansprüche der nachfolgenden Generationen angepasst haben. Daran schließt sich die Forderung von Annette Löseke an, nach der – in Kontrast zum Vortrag von Steffen Höhne – eine Rezeptionszentrierung als strategischer Managementansatz die einzige Möglichkeit ist, langfristig überleben zu können. Denn wie hoch auch der künstlerische Anspruch sein mag, ohne Publikum gibt es keine Kultur.

Was für die BesucherInnen gilt, gilt ebenso für die MitarbeiterInnen im Kulturbetrieb. So betonte Martin Zierold, dass junge KulturmanagerInnen oft enttäuscht über die geringe Offenheit für neue Ideen in den Einrichtungen seien. Wie schwer sie sich mit Veränderungen tun, die von außen an sie herangetragen werden, zeigte Dieter Haselbach am Beispiel des deutschen Theatersystems. Hier könne ein Wechsel vom Ensemble- zum Gastspielhaus helfen, knapper werdende Kassen auszugleichen und der Ausprobier- und Innovationsfreude mehr Raum zu verschaffen. Als Gegenbeispiel präsentiert Mara Kaeser die Müncher Kammerspiele, die ihre Formate unter Einbeziehung des Publikums erfolgreich diversifiziert haben, ohne ihren künstlerischen Anspruch einzubüßen. Und auch Christian Holst machte mit seinem Vortrag zu „Unternehmertum als Katalysator künstlerischer Innovation“ deutlich, dass Veränderungsdruck von außen Perspektiven öffnen und neue künstlerische Impulse befördern kann. 

Digitalisierung von innen her denken

Dass die Digitalisierung dabei eine entscheidende Rolle spielen wird, muss nicht betont werden. Dennoch drehen sich die meisten Diskussionen noch immer primär um digitale Vermittlungs- und Vermarktungsangebote. Sie sind aber nur die Spitze des Eisbergs, dessen größten Teil Aspekte wie die Automatisierung von Arbeitsprozessen oder der Umgang mit Big Data ausmachen werden. Sie klangen während der Tagung bereits hier und da an. 

So erklärte etwa Carsten Wernicke, wie schwarmfinanzierte Kulturprojekte neue Verteilungslogiken befördern werden – einerseits in Hinblick auf die finanzielle Verteilung zwischen Hoch- und Soziokultur, andererseits in Hinblick auf Themen und Formate. Auch hier gilt: Spricht ein Projekt den Schwarm nicht an, ist er nicht bereit, es zu finanzieren. Auch andere Aspekte der Finanzierung werden durch die Digitalisierung beeinflusst werden, etwa die Bereiche Sponsoring oder Ticketverkauf. So berichteten Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, und Mark Speich, Geschäftsführer Vodafone Stiftung Deutschland, aus beiden Perspektiven über Potenziale für ein neues, weniger auf finanzielle Abhängigkeit denn auf gegenseitige Unterstützung und Weiterbildung ausgerichtetes Verhältnis zwischen Kultur zu ihren Förderern. Beim Konzept des Dynamic Pricing, das Rainer Glaap präsentierte, spielt etwa die Auswertung von digital gesammelten Kundendaten eine entscheidende Rolle, um die für beide Seiten bestmöglichen Ticketpreise zu erreichen. Zudem thematisierten Martin Lücke und Carsten Winter digitale Geschäftsmodelle und die Aufgabe von „Culturepreneuren“ im Musikbereich. Sie zeigen, wie schnell sich Kulturmärkte verändern und dass sich Wertschöpfung immer öfter in digitale Netzwerke verschiebt. Dabei entsteht ein neuer, internationaler Markt für Nischenprodukte, von dem auch die KünstlerInnen profitieren könnten. 

Und nun?

Doch auch wenn viele, gerade externe Veränderungen unaufhaltsam scheinen mögen, gilt es stets abzuwägen, welche strukturellen Transformationen zu der jeweiligen Einrichtung passen. Denn, so betonte Sabine Jank in ihrem Vortrag, es gibt keine einheitliche Lösung für alle. Vielmehr müsse man interne und externe Synergien schaffen, die die eigene Arbeit unterstützen und die Kompetenzen der MitarbeiterInnen wie der BesucherInnen gleichermaßen stärken. 

Die Frage, was es dafür braucht, wurde während der Jahrestagung von verschiedenen Seiten beleuchtet. So zeigten Martin Zierold und Alan Salzenstein in ihrem Vortrag die Notwendigkeit auf, Querschnittsthemen wie neue Strukturen, interkulturelle Kompetenzen sowie Change Management in die Ausbildung künftiger KulturmanagerInnen zu integrieren. Dazu gehöre, zu lernen, umzulernen und transformatives Wissen praktisch umzusetzen – etwa in Form von längerfristigen Kooperationen mit Kultureinrichtungen, die auf diese Weise Expertise und Ideen für ihre eigenen Transformationen erhalten würden. Leider wurden der Transfer zwischen Forschung und Praxis sowie die Themen Lehre und Ausbildung im Rahmen des Programms nur am von Martin Zierold, Martin Lücke und Verena Teissl organisierten Round Table weiter vertieft – eine erstaunliche Feststellung für die Tagung eines Fachverbands für Lehrende und Forschende.

Natürlich sollten die Einrichtungen nicht darauf warten, dass die Studierenden von Morgen die Direktoren von Übermorgen werden. Ein sinniger Ansatzpunkt ist deswegen, zu schauen, wer das eigene Haus bei der Transformation unterstützen kann. Dass die Politik hier viel Verantwortung trägt, aber selbst auch oft genug veränderungsscheu ist, zeigte Tobias Knoblich, der Kulturdirektor Stadt Erfurt, in seinem von Frustration gezeichneten Vortrag. So habe jede große Stadt in Thüringen zwar ein eigenes, aber meist schlecht besuchtes Theater, das Ausgaben für andere Formate aufsauge – aber als klassische Kulturform undiskutable sei. Regionsübergreifend zu denken und Defizite auszugleichen, sei dabei oft ebenfalls schwierig. 

Trotzdem ist kulturpolitische Unterstützung ein vielversprechender Weg. Wie passende Argumente aussehen können, zeigte Annett Baumast am Thema Nachhaltigkeit. Künftige Förderprogramme in diesem Bereich werden wahrscheinlich auch Aspekte wie die langfristige Anpassung von Arbeitsstrukturen, soziale Gerechtigkeit und das Einsparen von verschiedensten Arten von Ressourcen umfassen und bieten damit Ansatzpunkte auch für Akteure aus der Kultur. Ebenso sind kulturelle und soziale Infrastrukturen in Städten und Regionen ein Thema, das in den nächsten Jahren wahrscheinlich intensiv gefördert werden wird. So stellte Ralph Philipp Ziegler die Potenziale der Hochkultur-Spitzenarbeit im ländlichen Raum vor. Die Beispiele dafür sind derzeit noch sehr vereinzelt, erreichen aber mit hoher künstlerischer Qualität und passenden Format auch neue, weniger gesättigte Publika. 

Solche Ansätze sind aus aktuellen Problemfeldern der Politik, nicht der Kultur, abgeleitet und in Hinblick auf Unterstützung sehr vielversprechend. Doch sollte die Kultur in Zeiten der Veränderung auch eigene Akzente setzen und eigene Argumente finden. Evaluation etwa, so betonten, Ursula Bongaerts und Gaëlle Lisack, machen proaktives Handeln der Kultureinrichtungen und eine Positionierung als change agents möglich, die Ideen voranbringen und die Zukunft mitgestalten. Dafür braucht es Zuversicht, Mut, und den eigenen Anspruch, von einer „Kultur für alle“ zu einer „Kultur von allen für alle“ zu kommen, so fasste Carsten Winter zusammen.

Weitere Beiträge zum Thema 

Kristin Oswald
13.03.2017, Kristin Oswald
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