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23. Juli 2017

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Konferenzbericht

„Es geht darum wollen zu wollen, nicht müssen zu müssen.“ Rückblick auf die zehnte re:publica

© re:publica/ Jan Michalko CC BY 2.0

In ihrem zehnten Jahr ist die Digitalkonferenz re:publica erneut gewachsen. Mehr als 8.000 Teilnehmer kamen, um von 770 Referenten etwas über die neuesten Entwicklungen in Sachen Digitalisierung und Gesellschaft zu erfahren. Für KulturmanagerInnen interessant waren die Panels zu Musikwirtschaft und zu Kunst und Digitalisierung, aber auch zahlreiche weitere Sessions zu Marketing, Vermittlung oder künftigen Formen von Arbeit und Management.

Inzwischen gibt es immer mehr und spezialisiertere Konferenzen und Formate für Kultureinrichtungen zum Thema Internet und Digitalisierung. Und natürlich ist es sinnig, sich mit FachkollegInnen zu Erfahrungen und Projekten auszutauschen. Doch kann die Beschränkung auf den eigenen Tellerrand auch hinderlich sein, wenn es darum geht, innovative Ideen zu entwickeln. Dafür lohnt sich ein Besuch auf der re:publica: Sie bildet übergreifende, gesamtgesellschaftliche und auch internationale Entwicklungen ab, bringt ExpertInnen und potentielle KooperationspartnerInnen zusammen und öffnet neue Blickwinkel auf digitale Themen und Potenziale für den Kultursektor. 

Die Zukunft des Erzählens

Eines der Kernthemen der re:publica ist beispielsweise jedes Jahr die Zukunft des Journalismus. Hier werden neue, digitale Erzähl(- und Finanzierungs-)formate entwickelt und erprobt, nach deren Vorbild auch die Kultur ihre Inhalte im Netz vermitteln und vermarkten kann. In diesem Jahr ging es etwa um Fachjournalismus und Wissensvermittlung im Netz oder um die Potenziale von Snapchat zur Erschließung neuer Zielgruppen – gerade letzteres abgedeckt von mehreren Sessions und heiß diskutiert. Dabei zeigten erste Erfahrungen sowohl aus Vermittler- als auch aus Anwendersicht, dass Snapchat derzeit ein Kanal primär für eine junge Zielgruppe zwischen 14 und 25 ist. Entsprechend muss der Kommunikationsstil angepasst sein, denn längere Geschichten und zu wissenschaftliche Inhalte lassen sich hier schlicht nicht abbilden. Vielmehr geht um möglichst eindrückliche Posts, die Menschen und nicht fachlichen Anspruch in den Mittelpunkt stellen (Angelika Schoder hat sich hier schon einmal mit Snapchat für die Kultur befasst). Vor diesem Hintergrund wird Snapchat die Diskussionen darum wohl noch anheizen, wie man qualitative hochwertige, strategische und auf gezielt ausgerichtete Kommunikation in der Kultur künftig definieren und umsetzen kann.

Die Zukunft der Kunst

Im Panel zu Immersive Arts ging es neben neuen Formaten für digitale Kunst ebenfalls um Vermittlung und Vermarktung. Wie die Vorträge zeigten, ist derzeit virtuelle Realität eines der Themen, die künftig entsprechende Formate prägen werden. Dabei funktioniert Virtual Reality nicht wie klassische Marketing- und Erzählformate, denn hier ist der User selbst Teil der Geschichte. Er betrachtet die Inhalte nicht nur von außen, sondern durchläuft sie, erlebt sie. Bei Virtual Reality geht es deshalb noch mehr als in den sozialen Medien um Emotionen, Mitgestaltung und um Identifikation mit der Geschichte und im Idealfall der Einrichtung dahinter. 

Gerade für Theater und Orchester, deren Inhalte vor allem auf das Live-Erlebnis abzielen, eröffnen sich hier neue Möglichkeiten, auch die Besucher am Bildschirm in ein solches Erlebnis eintauchen zu lassen. Die eigenen Angebote können ortsunabhängig zugänglich gemacht werden, indem man Theaterszenen und Räume in 3D abbildet und „begehbar“ macht. Die ReferentInnen der re:publica (und auch die TeilnehmerInnen der anschließen „Theater und Netz“-Konferenz) machten deutlich, dass es bisher nur wenige Häuser gibt, die das Thema Digitalisierung inhaltlich aufgreifen und zugleich mit stimmigen digitalen Angeboten verbinden. Es ist also Raum nach oben.

Während des Panels Performersion zu den Darstellen Künsten war auch die Vernetzung von AkteurInnen der Digitalkultur und der freien darstellenden Künste Thema. So könnten Tech- und Digitalunternehmen Beratung von ExpertInnen aus den Künsten für sich nutzen, etwa im Bereich Storytelling. Gleichzeitig können KünstlerInnen und Kultureinrichtungen nicht nur in Sachen Technologie etwas von der Digitalbranche lernen, sondern auch in puncto Geld verdienen im Netz, und beispielsweise den Bereich Cultural Entrepreneurship oder neue Erlösmodelle weiterentwickeln, an denen Künstler angemessen beteiligt werden. 

Die Zukunft der Arbeit

Die re:publica ihr Themenrepertoire längst über digitale Formate hinaus geöffnet. In diesem Jahr gab es deshalb unter dem Motto Schichtwechsel erstmal einen Programmpunkt zur Zukunft der Arbeit, bei dem zeitgemäße Arbeitsplätze und –formen diskutiert worden. Damit wird sich auch die Kultur – und gerade die klassischen Einrichtungen mit ihren festen Strukturen und Hierarchien – künftig beschäftigen müssen, um die besten BewerberInnen und MitarbeiterInnen halten zu können. Denn im gewünschten Bereich tätig zu sein, reicht auf Dauer für berufliche Zufriedenheit nicht aus. Vielmehr müssen auch die Rahmenbedingungen der täglichen Arbeit stimmen und dafür braucht es auch von ArbeitgeberInnenseite mehr Flexibilität. So machte schon die Einführungssession klar, dass sich die Definition dessen, was individuell der richtige Arbeitsplatz ist, mit den verschiedenen Lebensphasen ändert. 

Der Vortrag zu neuen Hierarchien zeigte, dass gerade sogenannte WissensarbeiterInnen künftig stärker auf Kooperationen, flexible Arbeitszeiten und –aufgaben schauen werden. Deshalb müssen sich auch Kultureinrichtungen als Arbeitgeber neu definieren und ihre Strukturen an die MitarbeiterInnen der Zukunft anpassen. Denn mit der wachsenden Zahl an Schnittstellen-Unternehmen zur klassischen Kultur bekommen auch sie zunehmend Konkurrenz. Eine offene (Fehler-)Kommunikation und Offenheit für interne Innovationen, eine trial-and-make-it-better-Mentalität würde ihnen deswegen gut zu Gesicht stehen. Wie es geht, zeigen die Berliner Philharmoniker und ihre demokratische Chefdirigentenwahl, die als Positivbeispiel auch auf der re:publica vorgestellt wurde. Olaf Maninger, einer der Cellisten, machte dabei deutlich, dass gelebte Demokratie zwar mühsam ist, aber mit stetem Austausch gut funktionieren und den Kreativprozess beflügeln kann.

Was fehlt? Visionen der Zukunft!

Der äußerst unterhaltsame Vortrag zu sogenannten Cargo-Kulten, symbolischen Ersatzhandlungen, machte schließlich deutlich, dass wir alle dazu neigen, Trends technologischer wie managerialer Natur als weltverändernd zu betrachten. Statt Ursachen zu hinterfragen und tiefer in Materien einzutauchen, betrachten und ändern wir häufig nur Oberflächlichkeiten. 

Woran es oft fehlt, so zeigte die re:publica auch 2016 wieder, sind Visionen einer künftigen Gesellschaft, Utopien anstatt Dystopien. Und gerade hier liegt eine wichtige Aufgabe von Kultur. So zeigte Penny Laurie in ihrer Session, wie Fanfiction die Gesellschaft verändern kann, wenn man motivierte Communities dazu motiviert, Geschichten nach ihren Vorstellungen umzuschreiben. In den Genres Fantasy und Science Fiction öffnete dies in den letzten Jahren die Perspektiven der AutorInnen und LeserInnen weg von klassischen Erzählmustern und stereotypen Hauptfiguren hin zu Themen wie Gleichberechtigung, Homosexualität oder Multiethnizität. Fanfiction, so Penny, zeigt, wie sehr Geschichten die eigene Weltwahrnehmung prägen. Gerade Kultureinrichtungen als Geschichtenerzähler und –vermittler sollten diese aktiv mitformen und zeigen, wie eine künftige Gesellschaft aussehen kann. 

Was für die Gesellschaft gilt, gilt zugleich auch für die Rolle von Kultur in dieser Gesellschaft. Auch hier fehlt es den Einrichtungen oft an Visionen und langfristigen Strategien, die über „Kultur ist wichtig“ hinausgehen, gerade gegenüber der Politik. Diese ist ebenfalls jedes Jahr ein wichtiges Thema der re:publica. In diesem Jahr etwa konnten sich KulturmanagerInnen Input dazu holen, wie man greifbare Argumente entwickelt und sich in das politische Gegenüber hineinversetzt. Auch alternative Fördermodelle wie performance based budgets wurden vorgestellt, bei denen die auf definierten Zielen und strategischer Umsetzung basiert – und mit Ziel ist nicht eine Ausstellung oder ein Konzert gemeint. Schließlich ging es um die Frage, warum in der deutschen Politik oft diejenigen die Entscheider sind, die kaum oder nur geringen Zugang zu neuen Entwicklungen haben. Und es zeigte sich, dass die „German Angst“ nicht ohne Grund sprichwörtlich geworden ist: In kaum einem anderen Land nutzen höher Gebildete das Internet so wenig wie bei uns und sprechen mehr über Probleme als über Potenziale und Lösungen. 

Dabei zeigte die Session zu Kunst in Krisenregionen, dass Kultur, die das Internet gekonnt nutzt, einen Mehrwert für die Gesellschaft schafft, von dem manche deutsche Kultureinrichtung nur träumen können. Und vielleicht ist das der stärkste Grund, die re:publica zu besuchen: um zu lernen, wie man Potenziale nutzt, um Visionen in die Tat umzusetzen.

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Kristin Oswald
31.05.2016, Kristin Oswald
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