Zur Navigation springen
Zum Inhalt springen

Kulturmanagement Network

Internationaler Informationsdienst für Kultur & Management

Sie sind nicht im
KM-Portal eingeloggt.
28. Juli 2017

Es folgt der Seiteninhalt

Es folgt der Seiteninhalt
Vorheriger Artikel Nächster Artikel
nächster Artikel: KM Magazin Nr. 115: Controllin...
Seite zurück Liste
Bücher

Buchrezension: Kulturmanagement und Social Media. Neue interdisziplinäre Perspektiven auf eine User-generated Culture im Kulturbetrieb

Social Media bietet Kulturbetrieben neue Möglichkeiten der Produktion, Distribution und Rezeption von Kunst und Kultur. Lag die Deutungshoheit über Kulturgüter in der Vergangenheit allein bei den Institutionen, so können Dank der Digitalisierung von Inhalten und den sozialen Netzwerken als Sprachrohr zunehmend Personen außerhalb der Institutionen die Debatten mitgestalten.

Dieser Beitrag erscheint in der Reihe Online-Marketing im Kulturbereich von Kulturmanagement Network.

Wenn im Kulturmanagement bisher für oder wider Social Media argumentiert wurde, dann alleine aufgrund voreingenommener technischer Positionen. Hier knüpft die 2015 im Transcript-Verlag erschienene Dissertation von Simon A. Frank an. Er verlässt die technikbasierte Argumentation und stellt stattdessen Verbindungen zwischen zeitgenössischen Kunst- und Kulturdiskursen und den aktuellen Internetpraktiken auf. Am Ende seiner Untersuchung steht ein theoretisch fundiertes Konzept für den Umgang mit den sozialen Medien im deutschsprachigen Raum.

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil gibt einen kurzen Überblick über die Entwicklungen und Möglichkeiten der aktuellen Medien, insbesondere des Social Web. Im zweiten Teil der Arbeit werden zeitgenössische, kunsttheoretische Konzepte vorgestellt, die dann im Anschluss auf ihre Kompatibilität mit den neuen Medien hin untersucht werden.

Zu Beginn  zeigt der Autor überblickartig die Entwicklung vom Web 1.0 zum Social Web, dessen kommunikative Funktionen und zentralen Prinzipien (Individuumzentrierung, Integration, Transparenz, Selbstorganisation, Soziale Kopplung und Vernetzung) auf. Zudem widmet sich Frank der Frage, warum sich Menschen für oder gegen ein bestimmtes Kommunikationsmedium entscheiden. Als Ergebnis ist dabei festzuhalten, dass die bestehenden Theorien zur Medienwahl nur begrenzt zur Klärung der Frage beitragen.

Im folgenden Kapitel setzt der Autor nun drei unterschiedliche Ansätze der kulturmanagerialen Forschung in Zusammenhang mit dem Social Web. Die Ansätze (technikdeterministische Erklärungsmodelle, ökonomische Argumentationen, kultur- und geisteswissenschaftliche Ansätze) werden  in vier Phasen (Frühphase [bis 1998], Dotcom-Boom-Phase [1999-2003], »Web 2.0«-Phase [2004-2008] und Social-Web-Phase [seit 2008]) aufgeteilt.  Bei dem Zusammenspiel von neuen Medien und Kultur sticht insbesondere das Museum als Kulturinstitution hervor, das sich durch die neuen Möglichkeiten der Kommunikation extrem gewandelt hat.

Frank verwendet viel Raum, um acht zentrale kunsttheoretische Konzepte einflussreicher Künstler und Philosophen des 20. und 21. Jahrhunderts darzustellen, die für ihn mit den Kriterien des Social Web kompatibel sind. Darunter sind Konzepte zur Aura und Reproduzierbarkeit von Kunstwerken (Benjamin), zur Kultur- und Bewusstseinsindustrie (Horkheimer, Adorno, Enzensberger), zu Brechts Radiotheorie, Ansätze von offenen und schreibbaren Kunstwerken nach Barthes und Eco bis hin zu postmodernen Theorien von Lyotard, Deleuze und Derrida.

Die Vorstellung der einzelnen Konzepte ist zunächst rein deskriptiv und lässt teilweise den Zusammenhang zur Fragestellung vermissen. Erst mit dem folgenden und letzten Kapitel der Arbeit werden die vorangestellten Beschreibungen auf die neuen Medien bezogen und zu einer gelungenen Symbiose vereint. Es wäre wünschenswert gewesen, die Konzepte zusammen mit dem Social Web abzuhandeln und dadurch den Fokus auf das jeweilige kunsttheoretische Konzept und dessen Kompatibilität bzw. Inkompatibilität zu setzen. Zum Schluss der Arbeit geht der Autor auf die Frage ein, ob das Social Web  überhaupt den Raum bereitstellen kann, der für Kunst, Theater und Literatur in der aktuellen Diskussion eingefordert wird oder ob die zu Beginn der Arbeit genannten Kriterien des Social Web diesem Raum nicht gerecht werden.

Als Gesamtergebnis der Arbeit können drei reduzierte Schwerpunkte herausgearbeitet werden: 1) Bisher befasste sich die Kulturmanagement Forschung nur unzureichend und zu technikfixiert mit den Möglichkeiten des Internets und insbesondere des Social Webs für den Kulturbereich. 2) Zwischen den aktuellen Internetpraktiken und den untersuchten Kunst- und Kulturtheorien ist eine hohe Übereinstimmung zu erkennen. 3) Das grundlegende Prinzip des Social Web, die Idee des »user-generated content«, wird bei der Fusion von realer und virtueller Welt im Kulturbereich zur »user-generated culture«, indem die neuen Medien die klassische Kunstpräsentation im Museumsbau  ergänzen, diese aber nicht überflüssig werden lassen.

Die Arbeit gibt insgesamt einen guten Überblick über die Argumentationslinien der Forschung im Kulturmanagement und zeigt die durch Internet und Social Web resultierende Problematik für die Kulturbetriebe auf. Ihrem Ziel, eine rein theoretische Basis für neue Handlungsräume im deutschsprachigen Kulturbetrieb zu geben, wird die Arbeit gerecht. Künftige Forschungsvorhaben können dieses Werk als Handlungsgrundlage nehmen und die Idee der »user-generated culture« in konkrete Online-Präsenzen umsetzen. Das Buch dient daher mehr der Wissenschaft als der kulturbetrieblichen Praxis, bietet aber für jeden, der in einem Kulturbetrieb arbeitet, sei es im Theater oder einem Museum, dennoch eine gute Grundlage zum theoretischen Verständnis der Sozialen Medien.

Weitere Beiträge zum Thema:

Sabine Kassebaum-Sikora
21.10.2016, Eva Göbel
Vorheriger Artikel Nächster Artikel
nächster Artikel: KM Magazin Nr. 115: Controllin...
Seite zurück Liste
Ähnliche Artikel in Seite zurück Allen Themenbereichen
[Forschung] [Internet] [Kommunikation] [Medien]

Ähnliche Artikel in Seite zurück Allen Sparten
[Forschung] [Internet] [Kommunikation] [Medien]