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26. Juni 2017

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Konferenzbericht

Was kann Kulturvermittlung? Und warum braucht sie Communities? fragte das internationale Symposium Kulturvermittlung 2017

© NÖKU-Kulturvermittlung 2017/ David Visnjic

Was haben Museen, Ausstellungsräume, Festivals und Theaterhäuser gemeinsam? Sie alle sind Orte, an denen professionelle Kulturvermittlung stattfindet. Und dies immer mit dem hohen Anspruch, gesellschaftspolitisch tätig zu sein und etwas zu bewirken. Umso passender, dass während des Internationalen Symposiums Kulturvermittlung 2017 – zumindest indirekt – die Frage im Mittelpunkt stand, wer daran glaube, mit Kulturvermittlung die Welt retten zu können.

Heterogenität als Chance
Ausgerichtet wurde das Symposium von der NÖKU-Kulturvermittlung Niederösterreich in Kooperation mit dem Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Und so kamen am 27. und 28. Januar 2017 ca. 200 KulturvermittlerInnen überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum zusammen, um eine zentrale Frage zu beantworten: Was kann Kulturvermittlung? Prinzipiell, so Birgit Mandel, Leiterin des Bereichs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim, habe sie die Aufgabe, Zugänge zu Kunst und Kultur herzustellen. Die Herausforderung dabei besteht in der Heterogenität der Beteiligten – BesucherInnen, PädagogInnen, Marketingverantwortliche und auch künstlerische/ wissenschaftliche LeiterInnen. Diese Heterogenität ist definitiv zu begrüßen, aber sie kann auch Hürden herstellen. Die Aufgabe besteht also darin, eine Verbindung zwischen den verschiedenen Interessensgruppen und individuellen Lebensrealitäten aufzubauen. Genau das ist der Punkt, an dem Kulturvermittlung ansetzt. Nach Mandel stellt sie deshalb eine Art Schlichtungsprozess dar.

Gesellschaftspolitische Relevanz
Befördert durch den ästhetischen Genuss, kann Kulturvermittlung zwischen unterschiedlichen Denk- und Herangehensweisen vermitteln. Dabei stellen Emotionen das verbindende Element dar. Gerade diese Verbindung ist es, die Kulturvermittlung eine gesellschaftspolitische Relevanz zuweist, denn so kann – vielleicht auch nur für einen Moment – innerhalb der VertreterInnen einer pluralistischen Gesellschaft eine Gemeinschaft entstehen, die idealerweise auch die Kultureinrichtung einbezieht. Dieser Vorgang, Community Building genannt, ist möglich u.a. durch partizipative Ansätze, die die Menschen dazu einladen, aus der Rolle der passiv Konsumierenden herauszutreten, ihr eigenes kreatives Potential zu entdecken oder ihr eigenes Weltbild zu hinterfragen. Das Kulturvermittlung sich dabei beständig weiterentwickeln und auf die pluralistische Gesellschaft jedes Mal neu eingehen muss, steht dabei außer Frage.

Gemeinsamkeiten finden

Doch wie können und sollen solche Communities entstehen? Durch verbindende Elemente. Für Lutz Liffers, Soziologe, Kultur- und Bildungsmanager, ist der Stadtteil als der Raum, in dem Menschen wohnen, ein passendes Beispiel. Was zunächst simpel erscheint, birgt großes Potential, wie auch das von Heleen Hameete vorgstellte Beispiel der Community Arts in den Vororten von Rotterdam zeigt. Ein Stadtteil trägt sowohl die private als auch die öffentliche Sphäre in sich, es ist jener Ort, an dem Menschen sich überwiegend bewegen und Tätigkeiten des Alltags, zumeist auch Berufslebens und der Freizeit ausführen. Die BewohnerInnen setzen sich also zwangsläufig mit diesem Raum auseinander und so kann beispielsweise die Eröffnung einer Stadtteilbibliothek oder die Installation eines Kunstwerks Emotionen wecken und verbindend wirken.

Partizipation! Aber bitte freiwillig und spontan
Was niedergeschrieben einfach klingt, ist in der Realität jedoch nicht immer so einfach umzusetzen. Das zeigt das aktuelle Beispiel der Demonstrationen während der Eröffnung des Kunstwerks „Monument“ am 07.02. vor der Dresdner Frauenkirche deutlich. Während des Symposiums berichtete die Dramaturgin und Kulturvermittlerin Susanne Wolfram aus ihrer eigenen Arbeit, dass partizipative Projekte nur mit einer gewissen Spontanität erfolgreich sein können. Schließlich ist nie vorauszusehen, wie Menschen auf Projekte reagieren, mit ihnen interagieren und daran teilnehmen. Gerade dieser prozesshafte Charakter stellt einerseits die größte Herausforderung dar und führt andererseits zu fruchtbaren Ergebnissen. Jedes partizipative Kulturprojekt kann nur auf die Freiwilligkeit der Teilnehmenden aufbauen und muss zugleich ausreichend Anreiz schaffen, um diese Freiwilligkeit überhaupt zu generieren. Wolfram setzt dabei u.a. auf Co-Creation, bei der Laien und Profis zusammenarbeiten. So kann auch von Seiten der Organisation ein Monitoring des künstlerischen Prozesses erfolgen.

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist das Filmprojekt „Inside Me“, das am Gymnasium Kenyongasse in Wien umgesetzt und während des Symposiums vorgestellt wurde. Dabei luden die Lehrerin Michaela Götsch und die freischaffende Künstlerin Verena Faißt SchülerInnen dazu ein, einen Film zu produzieren. Insgesamt 59 von ihnen waren am Projekt beteiligt und haben von Kamera, Ton, Musik, Schnitt, bis hin zu Schauspiel und Kostüm alles selbst gestaltet. Das ging bei einem so großen, heterogenen Team nicht konfliktlos über die Bühne und war auch für die Projektleiterinnen eine Herausforderung, die sich aber mehr als gelohnt hat. Wesentlich zum Erfolg beigetragen haben die Freiwilligkeit der SchülerInnen, die Spontanität der Projektleiterinnen und der Wunsch, etwas Gemeinsames zu schaffen.

Ergänzend dazu kann der Impulsvortrag von Anne Graswinckel von der Theaterkompanie Tryater verstanden werden. „The journey is more important than the destination“, meint diese und unterstrich den Spaßcharakter von partizipativen Kulturprojekten. Durch Spielen, Ausprobieren, Scheitern und gefeierten Erfolgen kann sowohl bei den Teilnehmenden als auch bei den KulturvermittlerInnen ein Prozess des gemeinsamen Lernens in Gang gesetzt werden. Dabei ist unter Lernen nicht zwangsläufig ein auf Fakten basierender Wissenserwerb zu verstehen, sondern soziale Verhandlungsprozesse und Einblicke in verschiedene Lebensrealitäten. Partizipative Kulturarbeit, so Graswinckel, darf daher nicht kompetitiv verstanden werden. Das eigene (künstlerische) Ego muss hinten angestellt werden, um eine Community des Vertrauens und des Wachsens aufzubauen.

Best Practice – voneinander lernen
Neben all den theoretisch unterfütterten Vorträgen und Impulsen war während des Symposiums viel Platz für Best Practice-Beispiele aus den verschiedensten Kulturbereichen. Was sie verband, war der Beweis, dass Community Building in der Kulturvermittlung äußerst erfolgreich sein kann und dass Kulturvermittlung eine stark aktive Komponente innewohnt. Nur wenn sie aktiv auf Menschen zugeht und dabei niederschwellig und auf Augenhöhe kommuniziert, kann sie Menschen erreichen und zur Partizipation anregen. Interaktive Austauschmöglichkeiten, die auf die einzelnen Lebensrealitäten der pluralistischen Community eingehen, ohne diese zu relativieren, schaffen eine gemeinsame Basis, die Raum für Neues bietet.

Dass KulturvermittlerInnen sehr professionell und nah an ihren Zielgruppen arbeiten und stetig neue Formate entwickeln, ist indes keine neue Erkenntnis. Die Schwierigkeit ihrer Arbeit liegt vielmehr darin, dass Kulturvermittlung nach wie vor einen zu geringen Stellenwert in den Kulturinstitutionen hat und sich weitgehend auf Kinder und Jugendliche beschränkt. Doch um Ansätze wie Partizipation, BesucherInnenforschung oder Audience Development erfolgreich umzusetzen, müssen gerade die Einrichtungen der Hochkultur ihre Strukturen überdenken, übergreifende interne Zusammenarbeit etablieren und Vermittlung als ebenso wichtig ansehen wie ihren künstlerischen bzw. wissenschaftlichen Anspruch. Einen Schwerpunkt auf ein solches Change Management zu legen, hätte dem Symposium deshalb sehr gut getan.

Ausblick auf 2019
Während des Symposiums wurde jedoch nicht nur nachgedacht und Ideen für die eigene Arbeit gesammelt, sondern auch die Vernetzung und der informelle Austausch wurden gefördert und gelebt. Dies ist vor allem dem Organisationsteam zu verdanken, das mit innovativen Ideen und optimaler Betreuung für Spaß, Abwechslung und sehr fundierten fachlichen Inputs wesentlich zum Gelingen des Symposiums beigetragen haben. Kurzum: Das Jahr 2019, in dem das nächste Symposium Kulturvermittlung stattfinden wird, kann nicht schnell genug kommen.

Weitere Beiträge zum Thema

Ulli Koch
22.02.2017, Julia Jakob
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