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26. Juni 2017

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Bücher

Buchrezension: Theater, Krise und Reform. Eine Kritik des deutschen Theatersystems

Thomas Schmidt legt eine detaillierte Analyse des deutschen Stadttheaters vor, differenziert die Schwierigkeiten großer wie kleiner Häuser und liefert die Zukunftsperspektiven gleich mit. „Theater, Krise und Reform“ wird damit fast beiläufig zu einem unverzichtbaren Handbuch des Theatermanagements.

Häufig genug erschöpfen sich ‚Systemkritiken’ entweder bis zur Ermüdung im Detail oder verkommen zu Pauschalabrechnungen, die wenig für die Praxis leisten. Thomas Schmidt – Professor und Direktor des Studiengangs Theater- und Orchestermanagement in Frankfurt am Main und langjähriger geschäftsführender Direktor und Intendant des Weimarer Nationaltheaters – schafft mit seinem im Herbst 2016 erschienenen Band „Theater, Krise und Reform“ den Spagat zwischen Tiefgang und Überblick. 

Er verknüpft gekonnt wissenschaftliche Ansätze (Theorien, Modelle, Kontext) mit praktischer Relevanz (realistische Beispiele, Zahlen und Fakten). Schmidts Buch, das an eine 2012 erschienene Einführung in das Theatermanagement anschließt, besticht durch fundierten Sachverstand. Schmidt bringt offen eigene Erfahrungen ein und argumentiert häufig in der Ich-Form, was zunächst ungewohnt erscheint, der Lektüre aber zugleich Persönlichkeit gibt.

Das Theatersystem und seine Krisen

Wer vom Titel eine Einführung in die unterschiedlichen Formen, Sparten und Betriebsarten der darstellenden Künste erwartet, wird enttäuscht. Der Autor beschränkt sich auf das öffentliche Theatersystem. Anhand einer umfangreichen quantitativen Analyse und mithilfe zahlreicher Beispiele zeigt Schmidt auf: Während die sogenannten Leuchttürme über jede (kulturpolitische) Kritik erhaben sind und die Landesbühnen bereits recht effizient arbeiten, stecken die ‚typischen’ kleineren und mittleren Stadttheater in einer Krise. Abseits der Zentren, ohne Starsolisten, mit überdimensionierten Strukturen und ebenso großen finanziellen Schwierigkeiten, prognostiziert Schmidt etwa 40 Häusern eine düstere Zukunft. 

Unter ‚Krise’ versteht Schmidt, gewissermaßen in einer umgangssprachlichen Begriffsverwendung, ein umfangreiches Geflecht sich verdichtender und verhärtender Probleme. Neben den virulenten finanziellen Problemen kommen auch solche zur Sprache, die im Kultur- und Theatermanagement bisher nur wenig diskutiert werden: Schmidts Kritik fokussiert sich auf die Krise der Organisation und die Krise der Unternehmenskultur. Dabei ist es eine Stärke des Buchs, dass der Autor die praktische Erfahrung mitbringt, die es auf diesem schwierigen Terrain braucht. 

Und da sowohl Organisation als auch Unternehmenskultur im öffentlichen Theater nicht ohne Zutun der Kulturpolitik verändert werden können, spannt sich die Krise der Kulturpolitik wie ein Bogen über die gesamten Ausführungen. Die inhaltliche Krise des Theaters wird nur am Rande behandelt, unter Verweis auf den lebhaften Diskurs im Feuilleton und auf einschlägigen Internetportalen.

Der Reformbedarf

Viel wichtiger als Analyse und Kritik, das macht der Autor schon in der Einleitung deutlich, ist das, was aus ihnen hervorgeht. Im zweiten Teil des Buchs widmet sich Schmidt also dem Reformbedarf. Um nur einige Felder zu nennen: Die unterschiedlichen Tarifsysteme in öffentlichen Theatern führen zu Ungerechtigkeit und blockieren Reformen, der Repertoire-Spielplan ist vielerorts kaum mehr zu finanzieren, Regiebetriebe sollten in Stiftungen überführt werden und das Intendantenmodell gehört durch Leitungsteams ersetzt. 

Auch wenn es wie ein Rundumschlag erscheint, ist die Argumentation stets fundiert und kenntnisreich, anhand von vielen Beispielen anschaulich gestaltet, teilweise akribisch vorgerechnet und doch erstaunlich behutsam – Veränderung, Weiterentwicklung und Transition sind Schmidts Begriffe. Er weiß gut genug, dass sich das Theatersystem nicht revolutionieren lässt.

Ein 40-Punkte-Plan für die Zukunft

Abschließend leitet Schmidt aus den Ausführungen acht Reformkomplexe ab: die Verantwortung der Politik, die Zusammenarbeit mit der Freien Szene, Spiel- und Planungsorganisation, Gerechtigkeit, Mitbestimmung & Partizipation, Leitungsmodelle, Matrixorganisation und Leitbilder. Aus ihnen entfaltet er einen 40-Punkte-Plan, der konkrete Maßnahmen benennt. Dazu gehören schon heute breit diskutierte Vorschläge wie die Öffnung der Häuser für mehr Kooperationen oder die Entwicklung von Leitbildern zur Profilschärfung. 

Gerade in der Unternehmens- und Führungskultur wagt sich Schmidt aber noch weiter und fordert zum Beispiel die Stärkung der Ensembles in Mitbestimmungsprozessen. Die kultur- und personalpolitisch vielleicht heikelsten Vorschläge sind die Abschaffung der Intendanten – an ihre Stelle treten Vorstände wie sie aus Vereinen, Stiftungen und Unternehmen bekannt sind – und der Austritt aus den Flächentarifen – an ihre Stelle sollen Haustarife treten.

Fazit

Was man dem Buch vielleicht vorhalten kann, sind vereinzelte Redundanzen. Die zentralen Argumente werden aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und scheinen sich dadurch zu wiederholen. Manche Schaubilder dienen eher der Auflockerung zwischen Textpassagen als dass sie zum Verständnis oder gar zur Theoriebildung beitrügen. Das Buch wäre ohne sie, und vielleicht auch mit hundert Seiten weniger, gut ausgekommen. Dafür hätte die eine oder andere Begriffsverwendung etwas mehr Definitionsnähe vertragen und die Diskurslinien, in die Schmidt seine Kritik zu Beginn des Buchs selbst einordnet, sind allzu kurz angerissen. 

Insgesamt tut dies der Qualität des Buchs keinen Abbruch. Die analytische Deutlichkeit und fachliche Stichhaltigkeit, mit der Schmidt den Reformbedarf benennt, macht „Theater, Krise und Reform“ zu einer Bereicherung für den Theatermanagement-Diskurs. „Theater, Krise und Reform“ ist genauso als Fahrplan in die Zukunft des Stadttheaters zu lesen wie als Handbuch des Theatermanagements. 

Dr. Tom Schößler ist Kulturmanager und Betriebswirt. Er Verwaltungsleiter am Theaterhaus Stuttgart und Dozent für Kulturmarketing und Kulturfinanzierung, u.a. am Institut für Kulturmanagement Ludwigsburg, und ist seit Kurzem Kaufmännischer Geschäftsführer des Museum Weserburg Bremen.

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Tom Schößler
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