12.06.2020

Buchdetails

Kunst unter Aufsicht: Transformative Perspektiven der partizipativen Museumsarbeit (Edition Museum, Bd. 40)
von Susanne Karow
Verlag: Transcript Verlag
Seiten: 292
 

Buch kaufen (Affiliate Links)

Autor*in

Stephanie Brandauer
studierte Kunstgeschichte und Ausstellungsdesign in Innsbruck und Graz. Zudem hat sie mehrere Jahre als leitende Angestellte im Bücherei- und Archivwesen gearbeitet. Ihr ist es ein Anliegen, eine fruchtbringende, barrierefreie Kommunikation zwischen Museen und Bildungseinrichtungen und deren BesucherInnen zu schaffen.
Buchrezension

Kunst unter Aufsicht. Transformative Perspektiven der partizipativen Museumsarbeit

Die Relevanz und die Formen der Kunst- und Kulturvermittlung haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Dabei wird gerade der partizipativen Vermittlung auch eine transformierende Wirkung zugeschrieben. Wie diese in Bezug auf die Gesellschaft und die Häuser selbst aussehen kann, beschreibt das Buch "Kunst unter Aufsicht".
 
Mit "Kunst unter Aufsicht", erschienen 2019 im Transcript Verlag, möchte Susanne Karow Kriterien zur Definition und Feststellung von Transformation in der Kunstvermittlung identifizieren. Ihre Erkenntnisse sollen als methodische Basis dienen, um in der musealen Vermittlungspraxis Transformationsprozesse konzeptuell plan- und realisierbar zu machen. Sie geht dabei der Frage nach, ob durch partizipative Angebote sowohl für Teilnehmende als auch für die Institutionen selbst Transformationen stattfinden können.
 
Den Transformationsbegriff entnimmt sie dem laufenden Diskurs über Kunstvermittlung. Als Transformation definiert sie eine Änderung im sozialen Gefüge. Zur Erklärung ihres Verständnisses geht sie näher auf Henri Lefevres und Pierre Bourdieus raumsoziologische Überlegungen ein. Karow argumentiert, dass eine Transformation nur stattfindet, wenn das soziale Raumgefüge erkannt, hinterfragt und verändert wird. Ansonsten verbleiben die Partizipation und der Mehrwert für die Teilnehmenden auf affirmativer oder reproduktiver Ebene. 
 
In Hinblick auf Museen bezieht sie sich dabei auf Carmen Mörschs Analyse (2009) gegenwärtiger Vermittlungsansätze, indem sie museale Angebote in affirmativ (Vorträge, Führungen), reproduktiv (Workshops, Events), dekonstruktiv (institutionskritische Angebote) und transformativ (autonome Projekte in Kollaboration spezifischer Akteur*innen und Institutionen) einteilt.
 
Um die transformativen Möglichkeiten von Vermittlungsangeboten zu untersuchen, benutzt sie das Kunstvermittlungsprojekt "Local Art" des ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe) aus dem Jahr 2012. Im Anschluss an und Bezug nehmend auf dieses Projekt differenziert Karow am Ende ihrer Arbeit vier Transformationsebenen: die individuelle, die interaktive, die institutionelle und die externe.
 
Kriterien der Transformation
 
Karow stellt die These auf, dass transformative Partizipationsangebote die Positionen der Teilnehmer*innen im sozialen Raumgefüge verändern können. Dies soll dann gelingen, wenn die spezifischen Strukturen und Prozesse des Gefüges sichtbar gemacht werden. Diese Sichtbarmachung kann etwa durch symbolische Auseinandersetzungen mit der je eigenen Realität geschehen. Karow ist dabei sehr bemüht, Kriterien von Transformation zu finden. 
 
Bei ihrer Beschreibung des Projekts "Local Art" wird deutlich, um welche Art von Veränderung im Raumgefüge es ihr geht. Bei diesem Projekt war die Zielgruppe der Kunstvermittlung nicht außerhalb, sondern innerhalb des Museums. Hierbei wurden Mitarbeiter*innen vor allem des Wach- und Aufsichtsdiensts und des Kassenpersonals eingeladen, sich mit der Sonderausstellung "Global Art" auseinanderzusetzen. Über mehrere Sitzungen wurden ein gemeinsames Verständnis von Kunst und ein kreativer Output (v.a. Videoinstallationen) generiert, der in die Ausstellung einfloss. Die künstlerischen Positionen der Teilnehmer*innen setzten sich dabei kritisch mit ihrer Position im Museumgefüge auseinander und führte am Ende des Projekts zu einer kleinen Verbesserung in der Wahrnehmung ihrer Rolle ebendiesem Gefüge. 
 
Laut Karow fand durch dieses Vermittlungsangebot eine Transformation in der Institution statt. Anhand von Interviews mit verschiedenen Beteiligten versuchte sie, daraus allgemeingültige Kriterien abzuleiten, die erlauben, Transformation im Vorfeld zu planen. Dazu stellte sie den Teilnehmer*innen viel Material und Informationen für eine individuelle und interaktive Reflexion bereit. Leider wurden dabei aber die Veränderungen in Bezug auf die Institution kaum behandelt, da deren Entgegenkommen für Interviews spärlich war. Vermutlich ist es grundsätzlich sehr schwierig, Transformation in einer Institution so festzuhalten, geschweige denn zu ermöglichen, wie es auf persönlicher Ebene passieren kann. 
 
Aufgrund der Interviews und ihrer Untersuchungen des Projekts kommt Karow schließlich zu dem Ergebnis, dass Transformation im Vorfeld schwer planbar ist. Sie konnte zwar einige Kriterien finden, mit denen man diese messen könnte, jedoch erst im Anschluss an ein Vermittlungsprojekt. Wenn eine Institution mittels Vermittlung eine Transformation erreichen möchte, muss sie daher einen offenen Rahmen schaffen, in dem die Teilnehmer*innen frei sind, in jede Richtung gehen zu können. Karow mutmaßt, dass diese "Nicht-Abschätzbarkeit" ein hohes Risiko für die Institutionen darstellt. Dieses ist aber dennoch notwendig.
 
Das Museum im sozialen Gefüge
 
Karow stellt daher die interessante Frage: Welche Strukturen werden im Sozialraum Museum erzeugt und welche reproduziert? Dieser Frage lohnt es sich im Sinne der Transformation nachzugehen. Die Autorin beschreibt, dass sich wiederholende Angebote, wie die Lange Nacht der Museen und ähnliche Events, dazu dienen, Menschen, die sonst nicht ins Museum kommen, an die Kunst und Kultur heranzuführen. Damit stempelt man diese Besucher*innen von vornherein als "leere Gefäße" ab, die das Museum füllen sollte. Die Institutionen reproduzieren also ein Gefüge, das von der Gesellschaft geschaffen wird: dass manche Menschen nicht ins Museum gehen, weil dieses kein Entertainment bietet und sie nicht an der klassischen Wissensvermittlung interessiert sind. Mit der Lieferung von Entertainment fügt sich das Museum diesem sozialen Raum. Es hinterfragt ihn nicht und ändert die sozialen Positionen darin nicht. 
 
Für einen transformativen Zugang ist es laut Karow jedoch nötig, dass die Institution ihren erhöhten Status im Gefüge ablegt und den Besucher*innen auf Augenhöhe begegnet - und das ist ein durchaus logischer Schluss. Museen sollten der Bevölkerung als Gesprächspartner auf gleicher Ebene entgegenkommen. Das bedeutet, dass sie zuerst ihre eigene "Weltsicht" ändern müssen. Sie sind nicht der alleinige Träger von Wissen, sondern können genau so viel von den Besucher*innen lernen wie diese von ihnen, denn die Inhalte von Museen werden ebenfalls von Menschen geschaffen. Ohne das Wissen der Allgemeinheit, den Drang zur Forschung und das Bedürfnis des Festhaltens von gesellschaftlichen Werten, Traditionen und Erkenntnissen gäbe es keine Museen. Obwohl die Autorin dies betont, bleibt jedoch etwas unklar, wie genau sich das mittels Transformation umsetzen ließe. Zumindest Deshalb macht Karow aber deutlich, dass die Rahmenbedingungen, in denen Museen agieren, z.B. in der Kommunal- oder Landespolitik, sich ebenfalls ändern müssen, um diese Transformationen zu ermöglichen. 
 
Handlungs- und Kommunikationsräume schaffen
 
Susanne Karow gelingt es, in ihrem Buch darzustellen, wie viel Potenzial Ausstellungen als Handlungs- und Kommunikationsräume haben. Sie legt dar, dass Museen, um ihren Auftrag als Bildungs- und Kulturinstitution erfüllen zu können, ihren Besucher*innen auf Augenhöhe begegnen müssen. Als geeignetes Mittel dafür können transformative Vermittlungsangebote fungieren. Momentan fehlt in der Kulturbranche für diese Angebote aber das konzeptionelle Rahmenwerk. Denn bei dieser Form der Museumspraxis sind - wie die Autorin klar ausführt - der Verlauf des Projekts und das Ergebnis am wenigsten abschätzbar, weshalb viele Institutionen davor zurückschrecken, ihren Mitarbeiter*innen den Freiraum für die Planung und Durchführung von transformativen Vermittlungsangeboten zu geben. 
 
Karows Buch bietet eine gute Einführung in das Thema der transformativen Vermittlungsarbeit. Zwar kann sie keine genauen Mittel zur Hand geben, mit denen Transformation in Institutionen tatsächlich gemessen werden könnte. Aber sie legt gut dar, dass diese Art der Kunstvermittlung auf die Teilnehmer*innen von "Local Art" einen transformativen Einfluss hatte und auch auf das Museum gehabt hätte, wäre das geeignete Rahmenwerk vorhanden gewesen. 
 
"Kunst unter Aufsicht" zeigt sehr gut, dass die Gesellschaft nicht nur durch Einzelne wächst, sondern auch durch kollektives Lernen. Karow bietet mit ihren Ausführungen zu transformativen Prozessen eine solide Basis, um sich selbst, als Museumsmitarbeiter*in wie als Museumsleiter*in, mehr mit den Potenzialen des Mediums der Kunst- und Kulturvermittlung zu beschäftigen. Ausstellungen können vor allem durch Vermittlungsangebote zu Handlungs- und Kommunikationsräumen werden, wenn die hierarchische Raumordnung zwischen Kuratieren und Vermitteln aufgehoben wird. Karow liefert eine Grundlage für das "Wie".
 
Referenzen
 
Mörsch, Carmen (2009): Am Kreuzungspunkt von vier Diskursen: Die documenta 12 Vermittlung zwischen Affirmation, Reproduktion, Dekonstruktion und Transformation. In: dies. und das Forschungsteam der documenta 12 Vermittlung (Hg.): Kunstvermittlung Bd. II. Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12. Ergebnisse eines Forschungsprojekts. diaphanes, 9-33.

Bücher rezensieren

 
Möchten auch Sie Bücher für Kultur Management Network rezensieren? In unserer Liste finden Sie alle Bücher, die wir aktuell zur Rezension anbieten:
 
Schreiben Sie uns einfach eine Mail mit Ihrem Wunschbuch an
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.

Unterstützungsabos

Mit einem Unterstützungsabo unterstützen Sie die kostenfreien Inhalte unserer Redaktion mit einem festen Betrag pro Monat – also unser Magazin, unseren Podcast, die Beiträge und die Informationen zu Büchern, Veranstaltungen oder Studiengängen auf unserer Website. 

5€-Unterstützungsabo Redaktion

Mit diesem Abo unterstützen Sie unsere Redaktion mit 5€ im Monat. Das Abonnement ist jederzeit über Ihren eigenen Account kündbar.

Preis: 5,00 EUR / 1 Monat(e)*

15€-Unterstützungsabo Redaktion

25€-Unterstützungsabo Redaktion

* Alle Preise sind inkl. der gesetzl. Mehrwertsteuer, zzgl. evtl. anfallenden Gebühren
Cookie-Einstellungen
Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig (z.B. für den Stellenmarkt), während andere uns helfen, unsere Angebote (Redaktion, Magazin) zu verbessern und wirtschaftlich zu betreiben. Einige Angebote können nur genutzt werden, wenn Cookies gesetzt wurden.
Sie können die nicht notwendigen Cookies akzeptieren oder per Klick auf die graue Schaltfläche ablehnen. Nähere Hinweise erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Ich akzeptiere
nur notwendige Cookies akzeptieren
Impressum/Kontakt | AGB