06.04.2020

Themenreihe Corona

Autor*in

Tobias J. Knoblich
ist Dezernent für Kultur und Stadtentwicklung der Landeshauptstadt Erfurt und Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. Nach einer Ausbildung zum Verkehrskaufmanns studierte er Kulturwissenschaft, Kulturelle Arbeit/ Kulturpolitik und Europäische Ethnologie. Seine Dissertation widmete sich der kulturellen Demokratisierung und der Soziokultur. Er ist Lehrbeauftragter für Kulturmanagement und Kulturpolitik an verschiedenen deutschen Hochschulen.
Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Kulturverwaltung in Zeiten von Corona

Positives aus der Krise ziehen

Aufgrund des Coronavirus müssen sich gerade die Strukturen in öffentlichen Kultureinrichtungen aktuell rapide verändern. Was das für Kulturverwaltung und Kulturpolitik bedeutet, haben wir mit Tobias J. Knoblich besprochen, Kulturdezernent der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt und Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft.

Themenreihe Corona

KMN: Lieber Herr Knoblich, welche gesellschaftliche Rolle kann Kultur für Sie in der Coronakrise spielen?
 
Tobias J. Knoblich: Kultur ist für mich die Art, wie wir miteinander umgehen, wie wir zusammenleben. Auch die Art und Weise, wie wir Corona bewältigen, hat für mich etwas mit unserer kulturellen Prägung zu tun. Weil kulturelle Angebote gerade nicht stattfinden und die Menschen nicht mehr zusammenkommen können, gibt es ein starkes Verlustgefühl. Das zeigt, dass die Kultur eine wichtige Rolle spielt. Auch die vielen Kompensationsprojekte machen klar, dass sie ein entscheidendes Element unseres Zusammenlebens und unseres Kommunikationsbedürfnisses ist. Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass für die Menschen das Leben weitergeht und die Mehrzahl ein starkes Bedürfnis nach Ritualen und Kreativität hat. 
 
Es ist oft so, dass Menschen Kultur und gerade Hochkultur vielleicht nicht selbst in Anspruch nehmen, aber sie dennoch als gegeben wissen möchten. Jetzt, wo das fehlt, wo die analoge Kulturwelt schweigt, nutzen offenbar auch diejenigen Kultur verstärkt auf digitalen Kanälen, die sonst nicht so aktiv daran teilnehmen. Man sehnt sich nach einer gewissen Kompensation, einem Gegenpol, um soziales Miteinander zu gestalten und Nahrung für die Seele zu haben. Mir ist das bei den Online-Aktionen des Leipziger Calmus Ensembles aufgefallen: Die Resonanz hatte sich vervielfacht. Etwas gemeinsam zu erleben hat eine neue Qualität bekommen.
 
KMN: Wie sieht die Situation auf der Kulturpolitik- und -verwaltungsebene im Moment aus? Welche Prozesse funktionieren bei Ihnen in Erfurt gerade nicht und wie gehen Sie damit um?
 
TK: Zunächst versuchen wir uns klar zu werden, was alles nicht passieren kann und wie wir an Projekten weiterarbeiten können, die im zweiten Halbjahr hoffentlich vor uns liegen. Vergaben sind zum Beispiel ein großes Thema. Da haben wir für Großveranstaltungen und große Ausstellungen einen gewissen Vorlauf und arbeiten aktuell daran, die notwendigen Entscheidungen auf den Weg zu bringen. Dabei merken wir, dass die Verwaltung nicht mehr so aufnahmefähig ist, und das betrifft alle, die Querschnittsverwaltung, die Vergabestelle, Kämmerei, Personalamt, Gebäudeunterhalt usw. Dort liegen im Moment einfach andere Aufgaben an und es fehlt schlichtweg auch Personal. An vielen Stellen entstehen also Nadelöhre. 
 
Außerdem versuchen wir, gute Kommunikation zu betreiben mit denjenigen, die von unseren Zuwendungen abhängen, und vor allem mit der freien Kulturszene, und für sie Lösungen zu finden (Hilfsmaßnahmen der Stadt Erfurt für die Kultureinrichtungen). Zum Beispiel werden wir die Zweimonatsfrist aussetzen. Bisher musste man bewilligte Mittel, die man nicht innerhalb der nächsten zwei Monate für ein Projekt verausgabt habt, zurückzahlen bzw. mussten wir dafür Zinsen berechnen. Kultureinrichtungen sollen jetzt aber nicht in rechnerische Bedrängnis kommen für Projekte, die in diesem Jahr stattfinden bzw. bis ins neue Jahr hinein, deren Zeitplan durcheinanderkommt oder für die sie Künstler gebucht haben. Hier wollen wir großzügig sein und nicht hinterher alles aufrechnen, wenn die Einrichtungen ohnehin schon zu kämpfen haben werden. 
 
Wir werden auch Informationen dazu sammeln, wie es Akteuren geht, die von Einnahmen abhängen, die sie selbst erwirtschaften. Zum Beispiel bekommt das Erfurter Kabarett keine öffentliche Zuwendung, kann aber jetzt keine Veranstaltungen durchführen. Beim Kreativzentrum Zughafen haben wir uns dafür eingesetzt, dass die Miete gestundet wird. Wir verbringen also gerade viel Zeit damit, Hilfsmaßnahmen zu koordinieren, die für die Existenz verschiedener Einrichtungen notwendig sind. Viel mehr können wir im Augenblick nicht tun. Das Personal in den kommunalen Häusern arbeitet trotzdem weiter, soweit es geht. Zum Beispiel können die Restauratoren in den Museen vieles hinter den Kulissen machen. Insofern versuchen wir, ein Stück weit Normalität aufrechtzuerhalten. 
 
KMN: Wie gehen Sie denn mit dem Thema Mitarbeiterschutz um? 
 
TK: Als Kommune ist das einheitlich und strikt geregelt und wird vom Oberbürgermeister in Abstimmung mit unserem Personalrat für alle städtischen Einrichtungen festgelegt. Der Kulturbereich ist also Bestandteil einer Gesamtstrategie und die heißt: maximaler Mitarbeiterschutz. Wir haben Abstandsregelungen, Regelungen dafür, dass nicht mehrere Menschen in einem Raum sein dürfen, es gibt keine Dienstberatungen mehr usw. Und natürlich können die Mitarbeiter, die Kinder betreuen müssen, zuhause arbeiten. Darüber hinaus gehen wir mit Augenmaß vor. Bei Mitarbeitern mit Vorerkrankungen reagiere ich zum Beispiel sehr schnell und schicke sie ins Homeoffice. Es gibt aber auch Bereiche, in denen das nicht möglich ist. 
 
Und es gibt noch einen zweiten wichtigen Faktor: Wir haben eine Festlegung über systemrelevante Bereiche - beispielsweise Feuerwehr, Katastrophenschutz oder Ordnungsamt - und einen entsprechenden Katastrophenplan. Das heißt in dem Moment, in dem die Arbeitskräfteanzahl in der Stadtverwaltung unter einen kritischen Wert sinkt, müssen sich die Mitarbeiter bereithalten, um in andere Funktionen einzutreten, die wichtig für das Fortbestehen unserer Arbeitsfähigkeit sind. Da der Kulturbereich dafür nicht systemrelevant ist, haben wir bereits punktuell Mitarbeiter der Kulturdirektion in andere Bereiche gegeben. 
 
KMN: Setzen Sie auch auf Kurzarbeit? 
 
TK: Grundsätzlich ginge das schon, aber es ist in der Praxis nicht durchsetzbar. Wir versuchen zudem, die Mitarbeiter so lange es geht in Lohnzahlung zu halten. Und vieles kann ja auch in Heimarbeit weitergehen. Zum Beispiel kann ein Sachbearbeiter Verwendungsnachweise auch zu Hause prüfen oder Zuwendungsbescheide, Bebauungspläne, Stellungnahmen und Schriftsätze vorbereiten. Hingegen wird zum Beispiel das komplette Team der Volkshochschule in anderen Bereichen eingesetzt, weil dort kein Betrieb stattfindet. Solange man kompensieren kann, kann man Kurzarbeit also schon vermeiden. 
 
KMN: Wie steht es um den Bildungsauftrag der Kultureinrichtungen? Gibt es Ideen, diesen in den nächsten Wochen weiterzuführen, beispielsweise digital?
 
TK: Nein, wir sind da aktuell wirklich im Krisenmodus und haben dafür keine Kapazitäten. Und wir nutzen als Stadt die digitalen Möglichkeiten auch noch nicht so, dass wir darauf umstellen könnten. Schon unser Social Media-Engagement ist sehr überschaubar. Auch viele andere Kultureinrichtungen und Kommunen sind noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Solche Fehlstellen können wir jetzt aber nicht einfach im Vorbeigehen beheben und unsere Häuser, das muss ich eingestehen, können demnach ihrem Vermittlungs- und Bildungsauftrag aktuell nicht gerecht werden. Trotzdem gibt es kleinere Ideen, nach außen zu wirken. So wird der NS-Erinnerungsort Topf & Söhne Tüten mit Lektüre vor dem Gebäude platzieren, damit Interessierte etwas mitnehmen können. Und wir produzieren jetzt immerhin kleine Filme mit virtuellen Führungen durch aktuelle Ausstellungen.
 
KMN: Glauben Sie, dass gerade diese Phase und der aktuelle Digitalisierungsschub langfristig eine Veränderung nach sich ziehen könnten? 
 
TK: Ja, unbedingt. Ich glaube, wenn es eine Chance in dieser Krise gibt, dann hat sie zwei Aspekte: Zum einen sehen wir als Stadtverwaltung, wie wichtig die digitalen Kanäle auch für diejenigen geworden sind, die sie bisher nicht so intensiv genutzt haben. Ich glaube, dass uns die Krise helfen kann, diese Potenziale künftig intensiver und besser zu nutzen und die digitalen Wege als ernsthafte Angebote zu begreifen. Zum anderen wird die aktuelle Verschiebung der Aufmerksamkeit an Bedeutung gewinnen. Alle merken plötzlich, wie wichtig Beschäftigungen mit Sinn sind. Viele Menschen haben beispielsweise Tickets nicht zurückgegeben, weil sie wollen, dass die Einrichtungen erhalten bleiben. Sie haben eine andere Bindung an Angebote entwickelt, die sie sonst immer als selbstverständlich gesehen haben. Diese Bindekräfte zu dem, was vermeintlich immer verfügbar ist, können wir neu stimulieren. Das sind zwei Aspekte, die über die Krise hinaus tragen und die die Digitalisierung gerade für die kommunalen und staatlichen Einrichtungen in ihrer Priorität weit nach vorn katapultieren werden. 
 
KMN: Aktuell verändert sich auch die kulturelle Arbeitswelt zwangsläufig rasant, wird flexibler, Homeoffice geht mehr in die tägliche Arbeitswelt über usw. Sehen Sie auch darin Impulse für langfristig Entwicklungen? 
 
TK: Ja, ich sehe durchaus Potenziale für mehr Agilität, Flexibilität, dass das alte Denken bezüglich der Präsenz der Verwaltungsmitarbeiter aufhört und man ihnen die Möglichkeit gibt, Arbeitszeiten flexibler zu gestalten. Telearbeit kann man zum Beispiel in vielen Feldern super umsetzen. Eine Verwaltung, die agiler sein will, muss aber grundsätzlich an ihrem Charakter arbeiten. Sie muss Flexibilität gewährleisten, die notwendigen Aufwendungen tätigen, die technischen, sicherheitsrelevanten, datenschutzrelevanten Erfordernisse umsetzen usw. Diese Voraussetzungen sehe ich bei uns gerade nicht vollumfänglich gegeben. Außerdem muss man sich klar machen, dass das viel Geld kostet. Wir haben in vielen Bereichen Spezialprogramme, mit denen man die Leute auch für zuhause ausrüsten müsste. Bei ungefähr 3600 Mitarbeitern in der städtischen Verwaltung ist das eine riesige Herausforderung für die Personalwirtschaft und die Mitarbeiter in der EDV, die jetzt schon nicht hinterherkommen. Aber sicherlich wird die aktuelle Situation dennoch ein Schub sein, der auch beim Personalrat eine Nachwirkung hat. Wir werden von bestimmten Effekten lernen und feststellen, was gut funktioniert hat. Ich lerne zum Beispiel jetzt schon, dass ich mich auf die Mitarbeiter im Homeoffice verlassen kann, dass sie erreichbar und erkennbar tätig sind. 
 
KMN: Welche Auswirkungen wird es denn auf die städtischen Großveranstaltungen geben und was bedeutet das auch für die touristische Vermarktung? 
 
TK: Hier entsteht ein großer wirtschaftlicher Schaden. Trotzdem glaube ich nicht, dass Erfurt dadurch langfristig weniger touristische Aufmerksamkeit bekommt, denn alle Städte und Regionen sind gleichermaßen von Corona betroffen. Erfurt hat sich in den letzten Jahren hervorragend entwickelt in der touristischen Qualität und der Publikumsgunst. Aber wir wissen zum Beispiel noch nicht, ob die Bundesgartenschau 2021 tatsächlich stattfinden kann, in die sehr viele städtische Gelder geflossen sind. Das wäre eine starke negative Folge für den Tourismus. 
 
KMN: Derzeit sind in Erfurt viele Stellen in der Kultur ausgeschrieben. Inwieweit können diese nun besetzt werden? 
 
TK: Ich fürchte, Corona wird hier schon Auswirkungen haben. Es sind gerade etliche wichtige Stellen ausgeschrieben. Wir haben zwar noch keine Ausschreibungen zurückgenommen, aber den Prozess ausgesetzt, weil wir keine Einstellungsgespräche führen können. Digitale Vorstellungsgespräche sind da keine Option, davon sind wir mit unserem Personalrat und den strengen Regelungen im öffentlichen Dienst weit entfernt. Ich weiß auch nicht, ob das gerichtsfest wäre. Damit wären wir zudem schon aufgrund der technischen Ausstattung überfordert. Ich kann auch einen Einstellungsstopp des Oberbürgermeisters nicht ausschließen, wenn die Krise zu Ende geht und wir genauer wissen, wo wir stehen. Mich trifft das ziemlich hart, denn ich habe dafür gekämpft, dass es zu bestimmten Stellennachbesetzungen kommt. 
 

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