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21. August 2017

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Kommentar

Kultur international oder munteres Vorsichhinschlafen? Kommentar zum Kupoge-Kongress 2017

© Alice Chodura/ Wikimedia Commons - CC BY-SA 3.0

Am 15. und 16. Juni widmete sich der diesjährige Kulturpolitische Bundeskongress in Berlin der Internationalisierung von Kulturpolitik und Kulturmanagement. Dabei wurden auch zahlreiche Stimmen laut, die zeigten, dass Populismus nicht die einzige – vielleicht nicht einmal die größte – Herausforderung für den deutschen Kultursektor ist.

Seit über 10 Jahren beobachten wir mit dem Arts Management Network die Entwicklungen der internationalen Kulturlandschaft. Dabei setzen wir uns intensiv damit auseinander, wie das deutsche Kulturmanagement von dem, was weltweit passiert, lernen kann. Was wir dabei erkennen mussten, ist, dass dieses „Lernpotenzial“ nahezu gar nicht genutzt wird und das Thema Internationalisierung im deutschen Kulturbetrieb bisher nur selten auf großer Bühne diskutiert wird. Im Gegenteil herrscht eher eine Selbstüberzeugung des eigenen Tuns vor. Umso erfreulicher war es, dass der diesjährige Kulturpolitische Bundeskongress unter dem Titel „Welt.Kultur.Politik“ eine Möglichkeit bot, unsere Erkenntnisse zu überprüfen. 

Ein wenig erfreuliche und wenig überraschende Bilanz

Die wichtigste Erkenntnis? Es fehlt an Selbstreflexion im Spiegel der internationalen Entwicklungen. 

Das ist erstaunlich, bedenkt man, dass die meisten Kulturmanager und Kulturpolitiker einen akademischen Hintergrund haben, bei dem sie verschiedene Kulturen kennen und schätzen lernen und der ihnen ein Verständnis für größere Zusammenhänge und die Bedeutung von kritischer Betrachtung mitgibt. Aber vielleicht verhindert diese „intellektuelle Blase“, diese eurozentristisch-akademische Sichtweise einen Zugang zu dem, was sogenannte bildungsferne Schichten, Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen aus dem globalen Süden wirklich beschäftigt. Das ist kein Vorwurf, nur eine Feststellung. Denn fragt man einen Künstler oder Kulturmanager aus Indien, Afrika oder Südamerika, ob er unserem Verständnis von Kultur, das wir als allgemeingültig und universell ansehen, zustimmt, kann sich die eigene Sichtweise rapide ändern.  

In Anbetracht des wachsenden Zusammenhangs von Kulturarbeit und Globalisierung ist diese Erkenntnis besonders wichtig. Das zeigte auch der Grundtenor des Kongresses. Egal ob bei der kulturellen Innen- und Außenpolitik, auf Ebene der einzelnen Einrichtungen, der Kommunen oder des Bundes: Globalisierung öffnet Grenzen und Potentiale hinsichtlich Austausch und Toleranz, bringt aber auch Gefahren wie Rückzug, Abgrenzung und Re-Nationalisierung mit sich. Entsprechend waren sowohl das Kongress-Programm als auch die Vorträge geprägt von Unsicherheit. „Krisenstimmung hat sich breit gemacht“, so verlautete die Ankündigung und warnte, die Globalisierung werde „von einem nicht unwesentlichen Teil der Bevölkerung und Öffentlichkeit grundsätzlich infrage gestellt.“ Nun kann man fragen, wie die Kultur mit dem damit einhergehenden Populismus umgehen soll. Oder man kann fragen, ob es denn grundsätzlich schlecht oder unverständlich ist, dass Teile der Bevölkerung solch große Veränderungen infrage stellen, welche Ängste, welche Sorgen damit verbunden werden. Um das tun zu können, muss Kulturarbeit, die ihren Wert oft als das Eröffnen neuer Perspektiven beschreibt, sich und ihre Rolle reflektieren. 

Die Sichtweise auf Kultur und Kulturen muss sich globalisieren

Nun liegt die größte Herausforderung der Globalisierung für den Kulturbereich – und vor allem die Hochkultur – wohl darin, dass das Bildungsbürgertum und zwangsläufig die an ihm orientierte kulturelle Infrastruktur im Verschwinden begriffen sind. Statt sich an dem althergebrachten Bildungsideal zu orientieren, wird die Bevölkerung und damit die Ansichten, was die Aufgabe von Kultur sein sollte, immer heterogener. Damit wird die Allgemeingültigkeit der westlichen Auffassung von Kultur im weiten wie im engen Sinne infrage gestellt. Der Kulturbetrieb kann diese Stimmen nicht ignorieren, sich nicht mehr nur auf kunsthistorische, ästhetische oder wissenschaftliche Maßstäbe berufen. Denn diese Maßstäbe, eben diese europäisch-akademische Sichtweise, kann schon deshalb nicht allgemeingültig sein, weil sie außereuropäische Perspektiven nachträglich integrieren muss und weil sie gewachsen und deshalb immer von den historischen Gegebenheiten abhängig gewesen ist. Sie hat also nie den Status eines unerschütterlichen „Ideals“ erreichen können.

Was der deutsche Kulturbetrieb also braucht, da waren sich die Teilnehmer des Bundeskongresses sehr einig, ist eine kritische Selbstreflexion hinsichtlich kulturellem Postkolonialismus, Eurozentrismus und Deutungshoheiten. Das gilt für die Bewertung von Kunst ebenso wie für die Herangehensweisen von Kulturmanagement und Kulturpolitik – und wird in internationalen Diskursen seit Langem gefordert. 

Werte müssen verhandelt werden

Und so verwundert es nicht, dass es gerade die ReferentInnen mit diversen Backgrounds waren, die die europäischen Deutungshoheiten mitunter scharf kritisierten. Dazu gehörten etwa der Autor Pankaj Mishra, der die Gegenüberstellung von westlicher und nicht-westlicher Kultur hinterfragte. Er verwies darauf, dass diese von historischen und aktuellen Machtverhältnissen in der Tradition des Kolonialismus geprägt und der heutige westliche Kulturpaternalismus keineswegs „natürlich“ sei. Und im Kontext von Flüchtlingskrise und den negativen Einflüssen des Westens auf den Rest der Welt machte Nana Adusei-Poku, Professorin für visuelle Kulturen an der Fachhochschule Rotterdam, deutlich, dass Internationalisierung nicht nur den innereuropäischen Austausch – auf den sich Außenminister Gabriel in seiner Rede während des Kongresses fokussierte – oder international tätige Kultureinrichtungen betreffe, sondern auch die hiesigen Kulturbetriebe, deren Angebote die sich verändernde deutsche Gesellschaft keineswegs widerspiegeln würden. Beide betonten, dass gesellschaftliche ebenso wie künstlerische Werte Ergebnisse von Aushandlungsprozessen und also veränderlich sind. 

Für Wolfgang Merkel, Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin, müssen sich die Kulturschaffenden verstärkt einem solchen Aushandlungsprozess stellen. Dabei verwies Merkel auf die Theorie von Hyperkultur und Kulturessenzialismus von Andreas Reckwitz, Professor für Vergleichende Kultursoziologie an der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder. Demnach ist es heute nicht mehr damit getan, die globale Gesellschaft in westliche und nicht-westliche Lebensweisen einzuteilen. Sinniger sei das Verständnis von der kulturell offenen, pluralistischen, individualisierten Lebensweise des sogenannten Hyperkulturalismus auf der einen und der geschlossenen, auf Gemeinschaft und Abgrenzung fokussierten Lebensweise des Kulturessenzialismus auf der anderen Seite. Beide sind kultur-, länder-, politik- und religionsübergreifend, haben abgeschwächte, aber auch extreme Ausprägungen. 

Das klingt auf den ersten Blick überzeugend, erklärt es doch viele aktuelle Probleme. Doch auf den zweiten Blick öffnet es für die Kultur ein breites Problemfeld der Selbstreflexion. Denn egal, wie tolerant die Vertreter des Hyperkulturalismus, dem ein großer Teil der Kulturschaffenden angehört, sich auch geben mögen, beim Verständnis für den Kulturessenzialismus endet meist die Toleranz – etwa wenn Gabriel für eine neue Aufklärung plädiert, damit Kultur nicht als Distinktionssphäre zum Zwecke der Abgrenzung zu missbraucht wird.

Kulturarroganz aufbrechen und Utopien schaffen

Die Erkenntnis aus den aktuellen Entwicklungen, dass radikale Offenheit jene Menschen ausschließt, die nicht an sie glauben, bezeichnete Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, als „heilsamen Schock“. Dieser könne die Selbstreflexion in der Kulturarbeit ebenso wie in der Mehrheitsgesellschaft beschleunigen – und müsse das hinsichtlich der Rückständigkeit postkolonialer Diskurse auch tun, wie Nana Adusei-Poku hinzufügte, um nicht mehr nur über, sondern mit den Menschen zusprechen. An den Lebenswelten der Menschen anstatt an Deutungshoheiten anzusetzen, ist für Ebert denn auch eine der zentralen Veränderungen, denen sich die Kultur stellen müsse. Und der Soziologe Harald Welzer fügte hinzu: »Wir brauchen eine mutige Repolitisierung der Kulturschaffenden statt muntererem Vorsichhinschlafen.“ Sie müssten die Gewissheit ihrer als allgemeingültig verstandenen Maßstäbe und Herangehensweisen hinterfragen, denn diese zeugten von einem eurozentristischen, ja elitären Denken bis hin zur Kulturarroganz.

Kulturschaffende sollten stattdessen neue Utopien entwerfen. Und dazu gehöre es, sich klar zu machen, dass sie zur akademischen Elite zählen. Es geht also darum, die bestehenden Machtverhältnisse zu hinterfragen und auch mal die Kontrolle abzugeben, wie Léontine Meijer-van Mensch, stellvertretende Direktorin und Programmleiterin der Stiftung Jüdisches Museum Berlin, vorschlug. 

Diese Erkenntnisse bestätigten auch Birgit Mandel und Raphaela Henze, beide Professorinnen für Kulturmanagement, anhand aktueller Studien zum internationalen Kulturmanagement: In Sachen Themensetzungen, Programm und Management hechele die deutsche Kulturlandschaft oft hinter, während der zugleich überheblich gegenüber anderen Kultursystemen auftrete. Ein friedliches Miteinander auf kultureller Ebene sähe anders aus, betonte auch Ronald Grätz vom Institut für Auslandsbeziehungen. 

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also konstatieren, dass eine neue Kultur der Selbstreflexion im Kulturbereich – im Kontext von Globalisierung und Internationalisierung – zwei Ebenen umfassen muss: Zum einen den Umgang mit Kulturschaffenden aus anderen, nicht westlichen Ländern. Und zum anderen den Umgang mit kulturessenzialistischen Ansätzen. Das kann beispielsweise bedeuten, dass Kultur in Anbetracht von Paternalismus und ausgrenzender Offenheit auch den Anhängern des Hyperkulturalismus eine andere Perspektive ermöglichen müsste. Oder dass Kultureinrichtungen das Konzept des nationalen kulturellen Erbes überdenken und für Menschen mit Migrationshintergrund öffnen sollten, damit diese den Kontakt zur alten Heimat nicht verlieren. Denn auch eine einseitige, nur vermittelnde Kulturpolitik fördere Abgrenzung, wie Norbert Schürgers, Leiter des Amtes für Internationale Beziehungen der Stadt Nürnberg, betonte.

Die gegenwärtige Situation in Kulturmanagement und Kulturpolitik ist also durchaus nicht alternativlos und sie zu hinterfragen nicht automatisch eine „Gefährdung der kulturellen Narrative und zugehörigen institutionellen Strukturen“, wie sie die Kongressankündigung heraufbeschwor. Für Kulturmanager und Kulturschaffende kann der erste Schritt sein, die „erlernten“ Sichtweisen nicht als allgemeingültig hinzunehmen oder gar als etwas, dass man nicht-westlichen Ländern nahebringen müsse. Stattdessen sollten sie zuhören und sich für deren Impulse öffnen. Denn gerade in jenen Regionen der Welt, in denen der Kulturbetrieb gänzlich anders funktioniert, ist er uns oft weit voraus, gerade wenn es um soziale und partizipative Aspekte geht. Aber nicht nur in anderen Ländern, wie Anne Pallas von der LAG Soziokultur Sachsen während des Kongresses anmerkte, sondern auch in anderen Sparten – denn in der deutschen Kulturlandschaft ist es die Soziokultur, die solche Ansätze längst verinnerlicht hat und von der die Hochkultur vieles lernen kann.

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Kristin Oswald
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