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28. Juli 2017

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Bücher

Buchrezension: Generation Remix. Zwischen Popkultur und Kunst

Dass Kuratoren und Intendanten die Aura des Originalen bewahren und vermitteln, dass Musiker, Künstler und Kreative sich durch das Schaffen neuer Originale auszeichnen, gilt in der Kultur – und auch im Urheberrecht – als weitgehend unstrittig. Doch mit den neuen digitalen Technologien verschieben sich die Grundlagen der Diskussion um Original und Kopie, Kreativität und Nutzungsweisen. Hier setzt „Generation Remix“ an – und versucht, Grundsätzliches mit Blick auf Künstler und Nutzer neu zu denken.

Der Sammelband „Generation Remix. Zwischen Popkultur und Kunst“, herausgegeben 2014 von Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch, beschäftigt sich mit den künstlerischen und rechtlichen Aspekten des Remixens. Dabei kommen nach Einführungen in die Grundlagen des Themas und die aktuellen Diskussionen vor allem Remixer selbst zu Wort. In zahlreichen Interviews berichten primär DJs und Musiker, warum sie remixen, was für sie diese Kunstform auszeichnet und welche rechtlichen Probleme es mit sich bringt, als Kreativer mit Remixes zu arbeiten.

Das Buch gehört zur Kampagne „Recht auf Remix“ von iRights, dem deutschen Portal zu Urheberrecht und kreativem Schaffen in der digitalen Welt. Die Kampagne setzt sich für eine Reform des Urheberrechts ein, die die Weiterverwendung und Neuinterpretation von Kunst in Form von Remixes unter bestimmten Bedingungen erlaubt und als eigene Kunstform anerkennt. Die Herausgeber sind Teil des iRights-Teams und beschäftigen sich aus künstlerischer, rechtlicher, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Sicht mit dem Urheberrecht.

Kunst entstand nie aus dem luftleeren Raum. Sie erklärt sich stets aus dem zeitlichen, gesellschaftlichen Kontext, aus dem sie entsprungen ist – und nicht selten aus anderen Kunstwerken, die als Vorlage, als Inspiration der Künstler gedient haben. Sie wurden in der Geschichte mal mehr mal weniger deutlich kopiert, kritisiert, gelobt oder verändert und waren auf diese Weise selbst stets Teil kreativer Produktion.

Nach dem deutschen bzw. europäischen Urheberrecht gelten solche an künstlerischen Vorlagen angelehnte Erzeugnisse entweder als neue, schützenswerte Kunstwerke oder als missbräuchliche Nutzung, so machen die Beiträge von Dobusch, Generation Remix: Popkultur und Kunst im rechtsfreien Raum?, und Till Kreutzer, Remix-Culture und Urheberrecht, deutlich. Eine Unterscheidung zwischen kommerziell, nicht-kommerziell und kreativ gibt es dabei nicht, nur für Bildungskontexte enthält das UhG sogenannte Schrankenregelungen. Diese sind jedoch häufig uneindeutig und lassen beispielsweise auch die Urheber selbst nicht über die Weiternutzung ihrer Werke entscheiden. Anders ist es im amerikanischen fair use-Recht, einem möglichen Vorbild für die Neugestaltung der europäischen Gesetzesgrundlagen. Hier darf eine Neuverwertung geschützter Inhalte mit jener der Rechtsinhaber nicht kollidieren, kreative Umdeutung wird aber im Sinne des Nutzens für die Allgemeinheit gefördert.

Im urheberrechtlichen Sinne stehen derzeit also die Künstler und der Schutz ihres geistigen Eigentums im Mittelpunkt, um zu verhindern, dass kommerzielle Weiternutzung ihnen nicht zugute kommt oder schadet. Mit dem leichteren Zu- und Umgang mit digitalen Technologien verändern sich jedoch der Zugang zu Kunst und ihre Rezeption. Neue Formen der Interpretation können geschaffen werden, die vielfach Sorgfalt und Leidenschaft für das Original zeigen. Solche Remixes sind längst ein Alltagsphänomen, tausendfach in den sozialen Netzwerken, auf Plattformen für Musik, Bilder oder Videos anzutreffen. Dies bringt in den meisten Fällen auch neue Aufmerksamkeit für das Original.

Wie problematisch die Unterscheidung zwischen schädlich, kommerziell und kreativ ist, macht das Buch an Beispielen und in den Interviews deutlich. Sie zeigen, dass Privatpersonen und auch Künstler Kunst nicht ohne Weiteres weiterverwenden können, ohne Angst vor rechtlichen Folgen zu haben. Doch die Bedeutung von Kreativität und Innovation in unserer Gesellschaft wächst und wird auch von politischer Seite gefordert. Beides entsteht aber nicht im luftleeren Raum und eine Unterscheidung zwischen krimineller und professioneller Kreativität ist oft nur schwer zu treffen.

Gerade Laienkreativität und user generated content gehören dabei zu den wichtigsten Prinzipien des Social Web. Genau diese Aspekte könnten sowohl Künstlern als auch Kulturinstitutionen zugute kommen, denn mit Remixes findet statt, was sich Kunst seit Langem erhofft: Der Wandel vom Kulturkonsum hin zu einer aktiven und reflexiven Rezeption. Sie ermöglicht es nachzuvollziehen, wie Besucher und Käufer Kunst wahrnehmen, was sie individuell und außerhalb des geschützten Raumes einer Kulturinstitution bedeutet. Zugleich kann man Besuchern durch Neuinterpretationen aktuelle Bedeutungsebenen von Kunstwerken vermitteln. Nicht zuletzt zeigen Remixes, wieso andere Fans von Kunst sind – ein Effekt des Empfehlungsmarketings, der Künstlern wie Kultureinrichtungen einen Mehrwert bietet.

Bisher gibt es nur wenige Studien über die ökonomischen Folgen des Remixens für die verschiedenen Beteiligten. Beispiele vor allem aus der Popmusik zeigen aber, dass den Originalen nach erfolgreichen Remixes mehr Aufmerksamkeit zukommt. Sie werden im letzten Kapitel des Buches von Leonhard Dobusch, Remix hilft Originalen: Die ökonomischen Folgen von Sampling, aufgezeigt. Deutlich werden viele der Probleme auch in den Interviews mit Remix-Künstlern. Auch wenn das Buch nicht für Kulturmanager geschrieben wurde, wären theoretische Vertiefungen an einigen Stellen einprägsamer als diese über 40 Gespräche. Sie wiederholen mehrheitlich ähnliche Statements zu den Problemen mit dem kreativen Umgang von geschützten Werken, zur Befürwortung und den Schwierigkeiten eines Rechts auf Remix. Der Aufmerksamkeit für die Kampagne „Recht auf Remix“ und die Potenziale dieser Kunstform, die durch das Buch gefördert werden soll, würde mehr Raum für die Themen Marketing, Besucherforschung, Kunstrezeption oder die möglichen Vorteile für Kulturinstitutionen, Künstler, Politiker und die Öffentlichkeit eine breitere Grundlage verschaffen.

Nichtsdestotrotz füllt „Generation Remix“ eine Lücke und fordert Künstler und Kulturmacher auf, sich bei den aktuellen Diskussionen um eine Neuregelung des Urheberrechts in ihrem eigenen Interesse auch für andere Aspekte als den möglichst hohen Schutz des geistigen Eigentums einzusetzen. Derzeit finden die Potenziale des Internets und der digitalen Technologien für Kreativität, Kulturrezeption und den Aufbau von Gemeinschaften, die Künstler und Kulturinstitutionen unterstützen, kaum Beachtung.
 

Weitere Beiträge zum Thema:

»Generation Remix« in unserem Buchshop
KM Magazin »Kopie & Original»
Kommentar zur Zukunft der Urheberrechte
Publikation »Musikrecht» von Ralf Kitzberger

 

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Kristin Oswald
23.03.2015, Kristin Oswald
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